Freundlich kann jeder

Vor kurzem bin ich richtig erschrocken. Da war ich in einem riesigen Supermarkt. Einem wirklich riesigen Supermarkt, wo es alles gibt. In Mandarinendorf gibt es entweder nur ganz klitzekleine Lebensmittelläden oder riesige Discounter. Aber dieser Supermarkt, in dem ich war, war wirklich riesig. Endlose Regalreihen, kaltes Neonlicht, Rolltreppen, die die zwei Ebenen des Einkaufsparadieses voneinander trennten. Man bekommt dort alles. Allerdings fühlt man sich auch leicht überfordert. Vor allem, wenn man etwas vergessen hat, muss man praktisch wieder die endlosen Regalreihen zurück verfolgen und läuft sich die Hacken wund.

An der Kasse passierte es dann. Zunächst war alles ganz normal. Das monotone „Pling“ des Barcode-Scanners reizte meine Ohrnerven.

(Kleiner Einschub: Es gibt in Mandarinendorf eine Discounter-Filiale, in der das „Pling“ des Barcode-Scanner einen Rhythmus hat. Und zwar, wenn man genau hinhört, merkt man, dass es der Titelmelodie von „Love Story“ entspricht. Diesem Film, in dem sich Ryan O’Neill in Ali McGraw verliebt. Er ein reicher Schnösel, der einen Konflikt mit seinen arroganten Eltern durch die Beziehung zu ihr, einer todgeweihten Musik-Studentin, in Kauf nimmt. Wahre Liebe eben. http://www.youtube.com/watch?v=GSaV5ux7QTE Wenn man dieses „Pling“ einmal als Melodie identifziert hat, wird man fast wahnsinnig, wenn man an der Kasse wartet. Klicken Sie schon mal auf den Link, während Sie den Rest lesen. Dann verstehen Sie, was ich meine.)

Jedenfalls. Die Kasse. Der riesige Einkaufsladen. Das „Pling“ der Scannerkasse. Monoton. Keine Melodie. Alle Waren laufen über’s Band und werden eigenhändig von mir in den riesigen Einkaufswagen geworfen. Und dann die Kassiererin. Freundlich. Interessiert.

„Und? War alles in Ordnung? Haben Sie alles gefunden?“

Ich erschrak. Was sollte denn diese Frage? War ich die auserwählte 100. Kundin, bei der besonders kundenorientiert gehandelt werden sollte? Für einen Moment suchte ich nach einer Kamera. Ich will auf keinen Fall ins Fernsehen, wenn ich einkaufe.

„Ja, ja“, sagte ich schnell. Und ging noch schneller weg.

Als ich es meinem Mann erzählte, nickte er verständnisvoll. Ihm sei das auch schon passiert. In diesem Discounter. Deshalb geht er dort gar nicht mehr einkaufen. Es sei dort ohnehin viel zu unübersichtlich, so dass man vieles gar nicht finde, was man eigentlich sucht. Und am Ende wird man dann auch noch gefragt, ob man alles gefunden hat. Er sei regelrecht zusammengezuckt, als die Kassiererin ihn befragte. Es reiche ja schon, dass die NSA alles über einen wisse, soll man da an der Kasse jetzt auch noch alles verraten? Zum Beispiel, ob man schlau genug ist, alles zu finden? Und was heiße das überhaupt, ob alles in Ordnung sei? Das wäre ja wohl eine sehr komplexe Frage, die man nicht eben mal an der Discounter-Kasse klären könne.

Wir waren uns einig, dass man das nicht so einfach machen kann mit uns. In einer Stadt, die für ihre Unfreundlichkeit und den völligen Mangel an Serviceorientierung bekannt ist, kann man nicht einfach so eine aufgesetzte Freundlichkeit präsentieren, als ob das normal wäre. So von heute auf morgen. Es gibt schließlich so etwas wie Gewohnheit. Außerdem geht enorm viel vom Esprit dieser Stadt verloren. Schließlich wartet jeder Tourist hier darauf, endlich mal richtig unfreundlich angeranzt zu werden. Wenn man freundlich behandelt werden will, kann man gleich in Köln oder in München wohnen. Freundlich kann schließlich jeder. 

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