Sijaretten

Frauen und Ssijaretten

Foto 2„Ssijaretten, imma willse Ssijaretten von mia!“, sagte der junge Mann in der S-Bahn zu der Frau, die neben ihm saß. Ich war am S-Bahnhof Feuerbachstraße eingestiegen und hatte mich dem jungen Paar gegenüber gesetzt. Sie waren beide Anfang zwanzig und wahrscheinlich waren sie gar kein Paar, weil er ihr ja von einer anderen Frau berichtete. Diese Frau schien eine ausnutzerische, wenig Eigeninitiative zeigende Person zu sein. Wenn er nicht zufällig zwei Beziehungen gleichzeitig führte, dann musste die Frau in der S-Bahn die platonische Freundin sein, der er sein Leid über seine richtige Freundin klagte. Deren offensichtlichster Charakterfehler bestand darin, dass sie hoffnungslos nikotinabhängig war und ständig Zigaretten von ihm wollte.

Erst dachte ich, der junge Mann hätte einen Sprachfehler, würde lispeln, aber dann fiel mir ein, dass der Berliner ja gerne statt Z ein stimmhaftes S spricht.

„Ick saje ssu ia: ick kann nich imma Ssijaretten koofen, dit is ma ssu teuja, ick hab’ ooch nich soviel Jeld!“

Mir fiel auf, dass er unheimlich davon profitierte, dass Frauen oft so geduldig sind und klaglos zuhören. Wahrscheinlich beschwerte er sich bei der Frau, die immer Zigaretten wollte, über die andere Frau, weil die immer nur nickte und nichts sagte.

Seine zigarettenrauchende Freundin war jedenfalls ganz schön kess: „Da sacht se ssu mia: Komm’ jib ma noch eene Ssijarette, nua eene! Sach’ icke zu ia: Et jibt keene Ssijaretten mehr, komm’ Mädel, hör’ do’ uff, Roochen is sowieso nich jut fü’ dia, lass’ do’ die Ssijaretten!“

Frauen können so egoistisch sein! Fast hätte ich mich eingemischt in das Gespräch und zu ihm gesagt: „Mensch, Junge, die Frau will doch nur Deine Ssijaretten, lass die doch laufen!“ Aber mir fällt es schwer, das Wort Ssijaretten kunstgerecht auszusprechen, und eigentlich mische ich mich in persönliche Gespräche, die in der S-Bahn stattfinden, grundsätzlich nicht ein. Seine platonische Freundin jedenfalls nickte weiter und schaute aus dem Fenster. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich mich geirrt haben könnte. Vielleicht war sie gar nicht wirklich seine platonische Freundin und auch nicht seine Zweitfrau, vielleicht war er einfach nur einer von diesen Typen, die einen in der S-Bahn oder U-Bahn anquatschen und nicht locker lassen, egal wie gelangweilt man aus dem Fenster schaut. Die, selbst wenn man deutlich gähnt, nicht mit ihrem Redefluss aufhören. Auch da profitieren Männer von der unendlichen Geduld von Frauen, die sich belabern lassen statt einfach zu sagen: „Jetz’ höa do’ ma’ uff, lass’ ma in Ruhe mit die doofen Sijaretten, Alta!“

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