Spectactles

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Spectacles

Spectacles and Beards

 

Beards

Beards and Cotton Bags

 

Spectacles

Spectacles and Cotton Bags

 

Spectacles and Beards and Cotton Bags

and Skinny Jeans.

 

((Konstellationsgedicht nach einer Idee von Andreas Lausch)

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Frisurgeschichten

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In meiner Jugend gab es in dem Ort, in dem wir wohnten, nur einen Frisörsalon. Die Frisösen trugen pastellfarbene Nylonkittel und der Chef war ein Mann. Die gesamte Einrichtung dieses Salons könnte man heutzutage in einen Laden in Neukölln stellen und dort dann wahlweise eine Raucherkneipe, einen Frisörladen oder ein shabby chic Café eröffnen.

In meiner Jugend in der Kleinstadt konnte niemand mit meinen Haaren umgehen. Die Frisösen waren eher auf die Wünsche von älteren Frauen eingestellt. Dauerwelle oder Fönfrisur. Ich habe Naturlocken. Der Chef hat mir einmal die Haare auf große Lockenwickler gedreht, dann kam ich unter die Trockenhaube. Hinterher hatte ich irgendwie keine Locken mehr. Ich weinte oft wegen solcher Frisörerlebnisse. Einmal gab es dort eine angestellte Frisörin, die sich über meine Naturlocken freute. Sie schnitt mir die Haare ganz kurz. Ich hatte viele kleine Kringellöckchen. Das sah lustig aus. Die Frisöse blieb aber nicht lange in dem Frisörsalon tätig.

Später schnitt ich mir die Haare nur noch selbst. Zum Glück war ich als Jugendliche ziemlich öko und feministisch. Zu dieser Mode passte der Side cut, den ich mir selbst verpasste und von dem ich damals ja noch nicht wusste, dass man ihn so nennt. Ich färbte mir die Haare mit Hennapulver. Bei meinen dunklen Locken ergab das einen Mahagoniton. Ich fand, Schnitt und Farbe standen mir gut. Mein Vater behauptete, die Schuhe, die ich trug, ähnelten den Spangenschuhen von katholischen Mönchen. Er lachte darüber und auch über meine Vorliebe für Latzhosen, Plüschjacken und indischen Hemden. Meine Mutter weigerte sich gelegentlich, mit mir auf der Straße gesehen zu werden. Einen größeren modischen Erfolg kann man als Kleinstadtjugendliche eigentlich kaum erzielen.

Als ich 1989 nach Berlin zog, stellte ich fest, dass Birkenstockschuhe und bunte Kleidung hier nicht funktionierten. In einer Disco rief mir jemand „Hey, da ist ja eine vom Bhagwan“ nach. Ich trug eine bunt gemusterte grüne Hose und ein Stirnband aus gebatikter Seide. Irgendwie blieb der Satz an mir hängen und ich trug von da an keine Birkenstocksandalen mehr, wenn ich ausging. Meine Haare schnitt ich aber immer noch selbst.

Erst Jahrzehnte später, hatte ich die ewig schlecht geschnittenen halb langen Locken satt und ging zu einem türkischen Friseursalon in Kreuzberg. Ich sagte zu der Friseurin, dass ich eine natürliche Frisur wollte. Es sollte nicht nach Dauerwelle aussehen. Als sie mit dem Schnitt fertig war und meine Haare geföhnt hatte, sah ich, dass meine Haare aussahen, als ob ich eine Dauerwelle hatte. Meine Frisur ähnelte der Frisur der Frisörin. Ich hatte nur keine blonden Strähnchen. Fast hätte ich geweint wie früher in meiner Jugend in der Kleinstadt. Ich trug eine Mütze, als ich nach Hause ging.

Irgendwann entdeckte ich in Neukölln einen Salon, der „Zur flotten Locke“ hieß. Die Frisörin war jung, schnitt mir die Locken ganz einfach so wie ich es ihr gesagt hatte. Sie nahm zehn Euro für den Schnitt, aber ich gab ihr fünfzehn Euro. Ich hatte das Gefühl, dass sie selbst für Neukölln zu billig war. Leider stimmte meine Einschätzung. Irgendwann, nach einem Jahr, war der Laden von heute auf morgen weg. Als nächstes zog ein arabischer Kulturverein in den Laden. Inzwischen hat dort bestimmt ein shabby chic Café oder eine Raucherlounge aufgemacht. Ich weiß es nicht, ich gehe inzwischen woanders hin zum Haareschneiden.