Am Schlachtensee

schlachtensee

Kürzlich habe ich überlegt, welche Orte die ersten waren, die ich in Berlin kennenlernte. Im Sommer 1989 fuhr ich per Mitfahrgelegenheit in die Großstadt und stieg am Theodor-Heuss-Platz aus dem Auto. Ich war mir nicht sicher, wo ich übernachten würde, denn ich hatte nur einen lockeren Kontakt zu jemanden, der ein Zimmer vermietete. Zuerst fuhr ich mit der U-Bahn zum Zoologischen Garten, dann mit der S-Bahn weiter Richtung Wannsee. Am S-Bahnhof Wannsee überlegte ich, ob ich dort einfach im Freien übernachten sollte. Mit einer Freundin hatte ich schon einmal in München im Englischen Garten genächtigt. Einen Schlafsack hatte ich dabei. Den Gedanken verwarf ich, als es dunkel wurde. Ich rief – von einer Telefonzelle – den Typen an, der mit das Zimmer angeboten hatte. Er sagte, er wohne im Wedding. Ich fragte, ob ich bis zum U-Bahnhof Wedding fahren müsste, aber er wohnte viel weiter nördlich im Afrikanischen Viertel. Der Typ bot mir noch an, sich vorher mit mir zu treffen, damit ich mich überzeugen könne, dass er nicht pervers oder verrückt sei. Ich war mutig genug, einfach in den Wedding zu fahren. Der Typ war schwul und arbeitete als Kellner. Er war nett. Ich wohnte drei Wochen bei ihm. Es war Sommer und ich vermisste ziemlich schnell die Natur in der Großstadt. Ich genoss die Anonymität der Großstadt, aber ich vermisste das Baden im See. Wie ich auf die Idee kam, zum Schlachtensee zu fahren, weiß ich nicht mehr. Den Wannsee kannte ich ja schon von meinem allerersten Tag in Berlin. Vielleicht erzählte mir der Typ, der mir das Zimmer vermietete vom Schlachtensee. Ich weiß es nicht mehr. Mir gefiel der Schlachtensee. Bis heute ist es mein Lieblingssee in Berlin. Leider nicht nur meiner.

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