April

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So, es ist jetzt Juni und ich habe für zwei Monate noch kein Gedicht gepostet. Dabei war ich zwischendurch sogar aktiv im Kreativen Schreiben, u. a. im Schreibbankett mit ehemaligen Studienkolleginnen aus dem Studiengang Biografisches und Kreatives Schreiben. Es gab da auch eine schöne Übung nach Lutz von Werder. In Gedichtform ein Gefühl beschreiben. Dafür sucht man zunächst nach geeigneten Metaphern. Das Gefühl ist wie ein Gegenstand, ein Geschmack, ein Geruch, eine Erinnerung, ein Klang, ein Bild usw. Wir haben in einer Runde von vier per Zufallsprinzip das Gefühl „Scham“ festgelegt – ausgerechnet! Vom Gruppenprozess her, war es doch eine Erleichterung zu hören, dass das Gefühl „Scham“ bei allen mit sehr intensiven Wahrnehmungen verbunden ist. Mein Gedicht lautete dann folgendermaßen:

Scham

Scham ist das vergilbte Papier, auf dem Erinnerungen langsam verblassen.

Scham riecht nach überreifer Frucht, nach faulenden Bananen und gegorenen Erdbeeren.

Scham schmeckt nach schalem Bier.

Scham, das ist die Erinnerung an den Vater, der zu viel von dem schal gewordenen Bier trank und schwankte.

Scham klingt nach Gelächter, nach Gespött, nach Menschen, die mit nacktem Finger auf dich, auf ihn, auf angezogene Menschen und auf wunde Punkte zeigen.

Scham, das ist der Traum, in dem du dich noch einmal prüfen lassen musst, sonst bist du immer noch nicht fertig mit alledem, der Traum, in dem du nackt vor der Schulklasse stehst und nichts mehr weißt.

Scham, das ist deine Nacktheit auf der Bühne des Lebens.

 

Isolde Peter

 

 

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