Gefragt sein in Berlin

 

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(Die Waisenstraße ist nicht in Mandarinendorf, die befindet sich im Bezirk Mitte)

 

In Mandarinendorf gibt es eher selten Touristen, die sich hierher verirren. Erlebnisse wie die mit der jungen Frau, die den Weg zum Börghain suchte, zeigen, dass es durchaus vorkommen kann, aber es ist doch selten. In Mandarinendorf sind es vor allem Einheimische, die vom Weg abgekommen sind. (Das schließe ich aus ihrem Berliner Akzent und der Tatsache, dass sie entweder vor oder hinter den S-Bahn-Brücken gelandet sind und nicht mehr weiter wissen.)

Ich bemühe mich  redlich meiner Aufgabe als gefragte Wegweiserin kompetent und verlässlich nachzukommen. Selten schicke ich jemanden falsch. Mich wundert allerdings das Misstrauen, das mir von Berlinern und Berlinerinnen  entgegenschlägt. (Die Touristen sind meistens derartig gutgläubig, dass es mir hinterher sehr Leid tut, wenn ich Ihnen doch einmal einen falschen Weg gewiesen habe.)

Die Berlinerinnen und Berliner, die in Mandarinendorf landen und nicht mehr weiter wissen, sind meistens misstrauisch. Zum Beispiel, wenn ich Ihnen Fragen stelle. Ich stelle diese Fragen ja aber nur, weil ich so oft gefragt werde, dass ich schon eine gewisse Routine habe. Eine wirklich häufig gestellte Frage von Menschen, die sich unter die S-Bahnbrücken in Mandarinendorf verirren und dann Orientierung suchen, ist: „Wissen Sie wo die R-Straße ist?“ Meine Gegenfrage lautet dann: „Wollen Sie zum Friedhof oder zur Schule?“

Das hat einen Grund. Die meisten wollen entweder zur Schule oder zum Friedhof und für den Friedhof müssen sie hinter den S-Bahnbögen rechts und zur Schule nach links. Das ist ja wohl ein großer Unterschied. Oder die Frage nach der B-Straße. Da frage ich vorab: „Wollen Sie ins Altersheim oder zu Ikea?“ Ikea ist nämlich ein ganzes Stück von Mandarinendorf entfernt, da lohnt es sich, zurück zum S-Bahnhof zu gehen und noch einmal mit der S-Bahn zu fahren. Das Altersheim dagegen liegt am Anfang der B-Straße und ist dadurch fußläufig zu erreichen. Ich frage solche Fragen doch nicht aus Spaß oder weil ich ein chronisch neugieriger Mensch bin.

Dann ist da die Sache mit der Ungläubigkeit. Auf die Frage, wo denn die Lokhalle sei, kann ich guten Gewissens antworten, dass sie sich auf dem Südgelände befindet. Ich kenne das Problem. Die meisten, die mich fragen, haben den Eingang am S-Bahnhof verpasst, ihn einfach nicht gesehen, obwohl er ziemlich deutlich gekennzeichnet ist. Dann gehen sie weiter, unter die S-Bahn-Brücken und sehen dort auch den zweiten Eingang nicht, der ebenfalls klar gekennzeichnet ist. Gut, es dämmert im Herbst und Winter schon früh. Oft wird mir die Frage nach der Lokhalle deshalb auch in der dunklen Jahreszeit gestellt, wenn die Leute den Adventsmarkt in der Lokhalle suchen.

Wenn ich dann – routiniert – sage: „Die Lokhalle? Da müssen Sie zurück zum Südgelände?“, dann kriege ich oft ein pampiges „Sind Se sicher?“ zu hören. Na klar, ich wohne hier. Warum würde ich es sonst wagen, irgendjemanden den Weg zu weisen. „Ja, die Lokhalle ist im Südgelände. Gehen Sie entweder durch den Eingang unter den S-Bahn-Brücken, da müssen Sie dann eine Treppe hoch und immer gerade aus und dann dürften Sie es schon sehen. Oder, wenn Ihnen das zu unheimlich ist, gehen Sie ganz zum S-Bahnhof zurück und nehmen den Eingang dort“, sage ich freundlich. Aber es nützt nicht viel.

„Den Eingang haben wir ja nicht gesehen!“
Das ist ja eigentlich nicht mein Problem.
„Der ist aber dort. Gucken Sie doch einfach mal. Es gibt auch ein Schild.“

Ich erinnere mich an eine besonders hartnäckige Gruppe Berliner, die nur widerwillig in die von mir gewiesene Richtung gingen. Für einen Moment bereute ich es fast, Ihnen nicht den Weg zu Ikea erklärt zu haben oder zum Friedhof. Da hätten sie dann ihr tiefes Misstrauen endlich bestätigt gesehen.

Wieviel einfacher sind solche typisch touristischen Fragen wie „Wo finde ich denn hier Curry 36“ oder „Mustafas Gemüsedöner soll hier in der Nähe“ sein.

Routiniert kann ich da nur sagen: „Sehen Sie die lange Schlange? Reihen Sie sich einfach ein.“

 

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Am Schlachtensee

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Kürzlich habe ich überlegt, welche Orte die ersten waren, die ich in Berlin kennenlernte. Im Sommer 1989 fuhr ich per Mitfahrgelegenheit in die Großstadt und stieg am Theodor-Heuss-Platz aus dem Auto. Ich war mir nicht sicher, wo ich übernachten würde, denn ich hatte nur einen lockeren Kontakt zu jemanden, der ein Zimmer vermietete. Zuerst fuhr ich mit der U-Bahn zum Zoologischen Garten, dann mit der S-Bahn weiter Richtung Wannsee. Am S-Bahnhof Wannsee überlegte ich, ob ich dort einfach im Freien übernachten sollte. Mit einer Freundin hatte ich schon einmal in München im Englischen Garten genächtigt. Einen Schlafsack hatte ich dabei. Den Gedanken verwarf ich, als es dunkel wurde. Ich rief – von einer Telefonzelle – den Typen an, der mit das Zimmer angeboten hatte. Er sagte, er wohne im Wedding. Ich fragte, ob ich bis zum U-Bahnhof Wedding fahren müsste, aber er wohnte viel weiter nördlich im Afrikanischen Viertel. Der Typ bot mir noch an, sich vorher mit mir zu treffen, damit ich mich überzeugen könne, dass er nicht pervers oder verrückt sei. Ich war mutig genug, einfach in den Wedding zu fahren. Der Typ war schwul und arbeitete als Kellner. Er war nett. Ich wohnte drei Wochen bei ihm. Es war Sommer und ich vermisste ziemlich schnell die Natur in der Großstadt. Ich genoss die Anonymität der Großstadt, aber ich vermisste das Baden im See. Wie ich auf die Idee kam, zum Schlachtensee zu fahren, weiß ich nicht mehr. Den Wannsee kannte ich ja schon von meinem allerersten Tag in Berlin. Vielleicht erzählte mir der Typ, der mir das Zimmer vermietete vom Schlachtensee. Ich weiß es nicht mehr. Mir gefiel der Schlachtensee. Bis heute ist es mein Lieblingssee in Berlin. Leider nicht nur meiner.

Frisurgeschichten

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In meiner Jugend gab es in dem Ort, in dem wir wohnten, nur einen Frisörsalon. Die Frisösen trugen pastellfarbene Nylonkittel und der Chef war ein Mann. Die gesamte Einrichtung dieses Salons könnte man heutzutage in einen Laden in Neukölln stellen und dort dann wahlweise eine Raucherkneipe, einen Frisörladen oder ein shabby chic Café eröffnen.

In meiner Jugend in der Kleinstadt konnte niemand mit meinen Haaren umgehen. Die Frisösen waren eher auf die Wünsche von älteren Frauen eingestellt. Dauerwelle oder Fönfrisur. Ich habe Naturlocken. Der Chef hat mir einmal die Haare auf große Lockenwickler gedreht, dann kam ich unter die Trockenhaube. Hinterher hatte ich irgendwie keine Locken mehr. Ich weinte oft wegen solcher Frisörerlebnisse. Einmal gab es dort eine angestellte Frisörin, die sich über meine Naturlocken freute. Sie schnitt mir die Haare ganz kurz. Ich hatte viele kleine Kringellöckchen. Das sah lustig aus. Die Frisöse blieb aber nicht lange in dem Frisörsalon tätig.

Später schnitt ich mir die Haare nur noch selbst. Zum Glück war ich als Jugendliche ziemlich öko und feministisch. Zu dieser Mode passte der Side cut, den ich mir selbst verpasste und von dem ich damals ja noch nicht wusste, dass man ihn so nennt. Ich färbte mir die Haare mit Hennapulver. Bei meinen dunklen Locken ergab das einen Mahagoniton. Ich fand, Schnitt und Farbe standen mir gut. Mein Vater behauptete, die Schuhe, die ich trug, ähnelten den Spangenschuhen von katholischen Mönchen. Er lachte darüber und auch über meine Vorliebe für Latzhosen, Plüschjacken und indischen Hemden. Meine Mutter weigerte sich gelegentlich, mit mir auf der Straße gesehen zu werden. Einen größeren modischen Erfolg kann man als Kleinstadtjugendliche eigentlich kaum erzielen.

Als ich 1989 nach Berlin zog, stellte ich fest, dass Birkenstockschuhe und bunte Kleidung hier nicht funktionierten. In einer Disco rief mir jemand „Hey, da ist ja eine vom Bhagwan“ nach. Ich trug eine bunt gemusterte grüne Hose und ein Stirnband aus gebatikter Seide. Irgendwie blieb der Satz an mir hängen und ich trug von da an keine Birkenstocksandalen mehr, wenn ich ausging. Meine Haare schnitt ich aber immer noch selbst.

Erst Jahrzehnte später, hatte ich die ewig schlecht geschnittenen halb langen Locken satt und ging zu einem türkischen Friseursalon in Kreuzberg. Ich sagte zu der Friseurin, dass ich eine natürliche Frisur wollte. Es sollte nicht nach Dauerwelle aussehen. Als sie mit dem Schnitt fertig war und meine Haare geföhnt hatte, sah ich, dass meine Haare aussahen, als ob ich eine Dauerwelle hatte. Meine Frisur ähnelte der Frisur der Frisörin. Ich hatte nur keine blonden Strähnchen. Fast hätte ich geweint wie früher in meiner Jugend in der Kleinstadt. Ich trug eine Mütze, als ich nach Hause ging.

Irgendwann entdeckte ich in Neukölln einen Salon, der „Zur flotten Locke“ hieß. Die Frisörin war jung, schnitt mir die Locken ganz einfach so wie ich es ihr gesagt hatte. Sie nahm zehn Euro für den Schnitt, aber ich gab ihr fünfzehn Euro. Ich hatte das Gefühl, dass sie selbst für Neukölln zu billig war. Leider stimmte meine Einschätzung. Irgendwann, nach einem Jahr, war der Laden von heute auf morgen weg. Als nächstes zog ein arabischer Kulturverein in den Laden. Inzwischen hat dort bestimmt ein shabby chic Café oder eine Raucherlounge aufgemacht. Ich weiß es nicht, ich gehe inzwischen woanders hin zum Haareschneiden.

Wie Ed Hardy aber mit Hunde…

Ich kaufe Klamotten ja sehr gerne im Second Hand Laden. Das ist ökologisch und nachhaltig und außerdem auch oft sehr günstig. Man muss nur die richtigen Läden kennen, zum Beispiel die, in der die Verkäuferinnen nicht so genau wissen, welche Marken für was stehen. Also es gibt da einen Laden, der zum Beispiel Ökoklamotten spottbillig verkauft, weil niemand dort genau weiß, wie teuer die im Neupreis sind. Natürlich verrate ich jetzt nicht, welcher Laden in Berlin in der Hinsicht eine Fundgrube ist. Der Laden, in dem ich heute war, zeichnet sich durch ein großes Sortiment an Trachtenmoden aus, wofür es in Berlin anscheinend besonders im Oktober einen großen Bedarf gibt. Außerdem haben sie Vintage-Klamotten aus den 60er und 70er Jahren, die ich zwar nicht anziehen würde, aber einfach gerne ansehe. Dann sind die Kunden auch sehr interessant, aber dazu ein anders Mal mehr. Heute war ich auf der Suche nach dicker Winterkleidung. Da fiel mir eine Wolljacke ins Auge. Sie war wirklich günstig. Neu hätte ich sie mir wahrscheinlich nicht gekauft, aber sie war wirklich sehr günstig. Mir gefiel – ich gebe zu, dass ich für so etwas empfänglich bin – das Etikett mit zwei süßen Hunden drauf. Ich hatte das Label auch schon mal irgendwo gesehen. Die Kassiererin nahm die Jacke, sah mich an und meinte zu meiner Überraschung: „Kennen’se die Marke?“ – „Die ist amerikanisch, oder?“, sagte ich auf gut Glück. Ich meine, zu den Hunden und dem Markennamen gesellte sich auch die Ortsangabe: New York. Selbst wenn die Jacke in China hergestellt wird, ist sie damit irgendwie amerikanisch. „Genau“, sagte die Kassiererin. „Ditt is amerikanisch. So wie Ed Hardy nur mit Hunde ebent.“ – Das brachte mich echt ins Grübeln. Ed Hardy ist Ed Hardy, was hatte das nun mit dieser Jacke, die nicht im Entferntesten nach Ed Hardy aussieht (worauf ich Wert lege…) zu tun? „Na, ich hoffe, die ist nicht aus Hundehaaren oder wieso meinen Sie mit Hunde?“, fragte ich. Das sollte ein kleiner Scherz sein. Mitleidig sah sie mich an: „Natürlisch nisch. Ditt sind die Hund da druff. Wie die Totenköpfe bei Ed Hardy.“ – Na. Dann war ja alles klar. Irgendwie hat mir das die Jacke dann etwas verleidet. Wie Ed Hardy aber mit Hunden – dieses Urteil klebt jetzt an der Jacke wie Kaugummi. Was blöd ist, weil man bei dem Second Hand Laden nichts mehr umtauschen kann. Wie gesagt, bei dem guten Preis für die gute Qualität, ist es auch nicht schlimm, wenn sie im Schrank hängt. Aber ich werde mich an die Hunde schon noch gewöhnen….

Mandarinendorf is so hot right now

Ganz ehrlich: ich lese ab und an in einer Boulevard-Zeitung, die umsonst beim Fitness ausliegt. Sonst wäre ich ja auch nicht auf den Artikel über die neue Nacktputzagentur gestoßen, die in Mandarinendorf beheimatet ist. Ausgerechnet hier!  Kleiner Hinweis für alle Interessierten: Deren Webadresse ist aus dem Wort „Putz“ und einer umgangssprachlichen Bezeichnung für das männliche Geschlechtsorgan zusammengesetzt. Das Wort fängt mit P an und endet mit l. Ich denke, Sie werden den Service schon finden. Auf der Webseite ist auch ein Glas Prosetscho zu finden, der sozusagen das Grundgetränk aufgeweckter Mandarinendorferinnen ist, was Sie auch meinem Beitrag über die hier gängige Prosetschovernichtung entnehmen können. Ich poste dies nur aus reiner Sensationsgier und sehe darin auch den Trend, den ich bereits mehrfach erwähnt habe, bestätigt, dass sich Mandarinendorf langsam macht und immer innovativer wird. Allerdings finde ich Nacktputzen bei Männern und bei Frauen gleichermaßen ein wenig unhygienisch und bei dieser Wetterlage auch äußerst ungesund…

Die Dackel-Golden Retriever-Labrador-Mischung

Meine Tochter hätte gerne einen Hund. Ich kann das verstehen, obwohl ich eher schlechte Kindheitserinnerungen an die Dackelhündin meiner Schwester habe. Susi zerbiss meine Barbiepuppen und gehorchte – wenn überhaupt – nur meiner Schwester. Susi mochte mich nicht und ich traute Susi nicht über den Weg. Dabei hatte mir mein Vater sogar das definitive Mittel, um sich einen Hund treu und ergeben zu machen, verraten: man muss dem Hund ins Maul spucken. Quasi eine Art „Impfung“, die den Hund dann auf den Spuckenden fixiert. Obwohl ich als Kind diesen Trick bei vielen Hunden ausprobiert habe, zeigte es sich, dass  a) dieser Trick nie funktionierte und b) mein Vater aber einer genetischen DNA-Marker-Geschichte vielleicht damals schon auf der Spur war… Vor kurzem habe ich jedenfalls einen herzallerliebsten, alten Dackel hier in Mandarinendorf kennen gelernt, der treuherzig sein ebenfalls schon altes Frauchen durchs Leben begleitet. Natürlich habe ich diesem Dackel nicht in den Mund gespuckt, um ihn bloß nicht auf mich zu fixieren. Irgendwie kam es andersherum: ich war plötzlich auf den Dackel fixiert. Leider bin ich mit meiner neuerwachten Begeisterung für Dackel innerhalb der Familie nicht auf Resonanz gestoßen. Meine Tochter plädiert für einen Golden Retriever und mein Mann favorisiert Labradore. Mein Vorschlag, dann einen Dackel-Golden Retriever-Labrador-Mischling als Kompromiss aus Griechenland zu organisieren, stieß leider nicht auf Gegenliebe. Unsere Katzen werden also die Königinnen ihres Reviers bleiben…

Hundeleben

Berlins Ureinwohner geben sich betont rauh, damit das goldene Herz nicht sofort erkennbar ist. Ja, ja, ein Klischee. Das Herz ist auch nicht immer golden… Wenig bekannt ist allerdings, dass Berliner auch ihren Haustieren gegenüber eine ambivalente Haltung pflegen. Die lieben sie heiß und innig, machen aber die Hundescheiße nie weg und können ihren Tieren gegenüber ganz schön autoritär sein. Da denke ich doch an eine alte Dame in Neukölln, die ihren Hund psychologisch niederschimpfte, wenn sie ihn Gassi führte. Ich dachte sofort, dass sie früher wahrscheinlich ihren Mann so bekriegt hatte wie jetzt den Hund. „Was du immer machst! Nie hörste auf mich! Zieh nich‘ an der Leine, tu was ich dir sag!“ Vielleicht hat ihr Mann sie auch verlassen wegen des herrischen Tons oder sie hatte nie einen wegen ihrer Unfreundlichkeit. Aber Männer sind manchmal auch fies. Heute in der U-Bahn habe ich einen mit mehreren Hunden gesehen. Er fiel auf. Wegen der vielen Hunde, aber auch weil die Hunde alle von derselben Rasse waren, also nahezu identisch aussahen, aber unterschiedlich groß waren. Das war so als ob jemand Vierlinge hat, die aber 2, 4, 10 und 40 Jahre alt sind. Alle starrten. Der eine Hund begann etwas, was er am Boden fand, zu fressen. Der Mann fing einfach an, den anderen Mitfahrenden zu erklären, dass der Hund immer fräße. Schon von klein auf. Und dann sagte er zu dem Hund: „Na, frisste immer allet, wa, na bist ja’n fettet Schwein, jenau wie dein Vater, der wa och schon n’fettet Schwein.“ Der Hundebesitzer sagte das in wirklich liebevollen Ton. Und wer mit dem Vater gemeint war, blieb unklar. Der Hundebesitzer selbst war jedenfalls auch alles andere als dünn.

Welcher Döner ist schöner?

Letztes Wochenende habe ich mich sehr amüsiert über den Artikel von Martin Reichert in der taz über Mustafas Gemüse-Döner am Mehringdamm. http://www.taz.de/Mustafas-Gemuese-Kebap-in-Berlin/!95428/ Er sagt, der Döner dort ist genauso wie anderswo, nur die Minze fand er außergewöhnlich.

Ich hätte nicht die Zeit und Geduld, mich in die ewig lange Warteschlange einzureihen, aber natürlich habe auch ich mich schon ertappt bei der Vorstellung, vielleicht etwas Außergewöhnliches zu verpassen. Nun bin ich beruhigt. Zwar habe ich von anderen Quellen gehört, die Mangosoße sei so phänomenal bei Mustafa, aber es gibt viele Döner-Stände mit Mango-Soße. Einen Chicken-Döner mit frittiertem Gemüse gibt es auch anderswo, sogar die von Reichert so gepriesene Minze ist keine große Sache. Ich kenne da in Steglitz einen Döner-Stand, der auch mit Minze arbeitet, aber den verrate ich nicht. Ich möchte nicht, dass sich dort auch noch eine Schlange bildet. Zwar esse ich Döner ganz selten, aber wenn, dann möchte ich nicht erst eine halbe Stunde in der Schlange verbringen müssen.

Ruhestörer

Es ist ganz interessant, wie unterschiedliche Ruhestörer in verschiedenen Bezirken auftreten. In Neukölln: Die Nachbarin über uns, die mit Plateauschuhen nachts um 4 über die blanken Dielen lief. Betrunkenen auf der Straße, die hoch brüllten. Ein Nachbar, der nachts grundsätzlich Matthias Reim „Verdammt ich lieb dich“ aufdrehte und dazu mitsang. Die Feuerwehr, die durch die enge Straße mit eingeschaltetem Martinshorn fuhr. In Kreuzberg: Die schizophrene Nachbarin, die unter uns wohnte und laute Selbstgespräche führte, dabei kochte und rauchte. Die Hiphop-Musikproduzenten im Erdgeschoss, die an ihren sexistischen Texten feilten. Die Studenten im Hinterhaus, deren Wand an unsere Schlafzimmerwand grenzte, die spontane nächtliche Partys feierten. Der alternde Rockfan unter uns, der seinen fatalen Musikgeschmack auf unsere Kosten auslebte. In Neukölln beschwerte sich übrigens unsere Nachbarin auch über uns, wofür sie schriftliche Beschwerdebriefe am Computer verfasste. In Mandarinendorf hat sich noch niemand über uns beschwert. Es gibt hier auch viele Leute, über die ich mich beschweren könnte. Am meisten übrigens über die Singdrossel, die das Weckergeräusch täuschend echt nachahmen kann und mich damit um 4 Uhr nachts weckt. Pipipipipipipi! Ich bin dann zu müde, um mich tatsächlich zu Beschwerden und den Vogel ausfindig zu machen. Ich hoffe manchmal, die Katzen verschrecken ihn irgendwann. Fressen sollen sie ihn natürlich nicht.

Hühnerbrühe

Früher in Kreuzberg gab es da diesen Vater, der seinem Kind schnell ein paar homöopathische Kügelchen in den Mund schob, als es auf der Rutsche schrie. Der Zweijährige war auf der Rutsche gestolpert, nichts Ernstes, eher schien der Vater Beruhigung zu benötigen. „Arnica“, sagte er zu mir, als ich ihn fragend ansah. Meiner Meinung nach hätte es genauso gut geholfen, dem Kind ein Bonbon zu geben. Oder zahnfreundlicher: aufmuntern und ablenken! Jede Gesellschaftsgruppe schwört eben auf andere Heilmittel. Meine Mutter ist der Überzeugung, dass Hühnerbrühe hilft. Hühnerbrühe ist das osteuropäische Penicillin. In Kreuzberg ist Penicillin, außer in absoluten lebensbedrohlichen Notfällen eher verpönt, zumindest in den Kreisen der gesundheitsbewussten Bioeltern. In Mandarinendorf wiederum gibt es nur einen einzigen Bioladen und der ist auch ganz schön weit weg. In Mandarinendorf schwören Eltern auf Penicillin, richtig echte Antibiotika. Je mehr desto besser, denn wenn der Arzt ein Antibiotikum verschreibt, dann heißt das, dass man eine richtig echte Krankheit hat. Da nutzt auch der Hinweis nichts, dass Antibiotika bei Viruserkrankungen doch erst einmal gar nicht helfen. Andersherum hilft auch bei Kreuzberger Bioeltern der Hinweis nicht, dass in den Kügelchen eigentlich kein Wirkstoff drin ist. Glauben heißt eben Heilen. Oder umgekehrt?