Sicherheitsabstand

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In Berlin gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Belehren oder Belehrtwerden.

Eine dunkle Ecke im S-Bahnhof. Ein Geldautomat. Kein schöner Ort, weil nach Urin riechend, aber günstig auf dem Nachhauseweg gelegen. Normalerweise ist in dieser Ecke nie jemand. Vorgestern, gerade als ich Geld abheben wollte, stand eine Frau dort. Sie suchte umständlich in ihrem dicken Portemonnaie herum. Offensichtlich fand sie ihre Scheckkarte nicht. Als ich noch überlegte, ob ich ihr helfen sollte, quetschte sich so ein jungscher Typ vor diese Frau und fragte, ob er mal eben Geld abheben könnte. Zu meinem Entsetzen sagte sie – ja. Das war schon mal die erste Geduldsprobe. Nachdem die Scheckkarte gefunden war, dauerte der Abhebevorgang dieser Frau natürlich auch nochmals seine Zeit. Zeit, in der ich einer alten Frau mit Rollator den richtigen Weg weisen konnte, und außerdem von einem Mann darauf hingewiesen wurde, dass es einen anderen Automaten im S-Bahnhof gebe. Vielleicht war die Frau, die in Schneckentempo den Geldautomaten bediente, eine stadtbekannte Zeitlupenabheberin und der Mann meinte es nur gut. Die Info taugte allerdings nicht viel. Der Automat, den er meinte, war nicht von meiner Bank. Ich wollte keine 5 Euro nur für’s Abheben bezahlen.

Ich stand dann ca. einen Meter hinter der Frau und – obwohl ich kurzsichtig bin – erkannte ich die übliche Höflichkeitsfloskel des Automaten, die nach dem Abhebevorgang auftaucht: „Vielen Dank und bis zum nächsten Mal!“ (oder so ähnlich). Ich sah sogar die Höflichkeitsfloskel, die danach für den nächsten Kunden auftaucht: „Guten Tag! Bitte schieben Sie Ihre Karte hinein!“ (oder so ähnlich). Die Frau vor mir schob ihre Karte genauso umständlich, wie sie sie gesucht hatte, wieder in das dicke Portemonnaie zurück. Und da riss mir dann doch der Geduldsfaden.

Ich sagte:

„Ähm, könnte ich vielleicht jetzt doch mal an den Automaten ran?“

Zögern. Warten.

Die Frau dreht sich gaaaaanz langsam um. Ihr Blick wirkt, was mir bereits am Anfang des ganzen Vorganges schon auffiel, leicht sediert.

„Also ick bin noch nich fertig. Ditt macht man och nich, dass man so nah aufrückt, man hat einen Sicherheitsabstand einzuhalten, ditt sollten Sie wissen. Ditt isso.“

Okay. Ruhig. Einmal durchatmen.

„Man sollte vielleicht auch nicht Stunden brauchen, um Geld abzuheben“, sagte ich pampig.

Hätte vielleicht zweimal durchatmen sollen.

Aber diese zwei Worte gehen runter wie Öl. Das tut echt gut, dieser Dame mal zu sagen, was man eigentlich tun sollte. Man sollte nicht einen solchen jungschen Typen vorlassen, während hinter einem eine nette, geduldige Frau wartet, die die Wartezeit nutzt, um einer alten Frau mit Rollator zu helfen und unaufgeforderte Information abzuwehren, einer Frau, die geduldig wartet, sich all der Achtsamkeitsübungen zu erinnern versucht, die sie je gelernt hat, so von wegen „Nutze die Wartezeit und bleibe ganz im Hier und Jetzt, das Warten tut dir gut, du fühlst dich schon ganz ruhig und entspannt.“ Man sollte so eine Frau nicht unnötig warten lassen, wenn sie Geld braucht.

„Nein! Man hat einen Sicherheitsabstand einzuhalten hinter dem Geldautomaten“, sagt die olle Schrulle.

Ich hätte dreimal durchatmen sollen.

„Ja, ja. Man hat sich auch zu beeilen, wenn hinter einem eine Schlange wartet.“

Das war jetzt echt übertrieben. Eine Person, also ich, ist ja noch keine Schlange.  Aber ich kann dann eben auch zur Schlange werden. In so einer Situation. Eine ganz gefährliche Schlange, die einer ollen Schlange hinterher schreit.

„Ja, ja, man sollte, man sollte sich mal beeilen, wenn man am Geldautomaten steht.“

Da zog sie von dannen.

Und ich habe es begriffen: Es lohnt sich in Berlin überhaupt nicht, geduldig zu sein. Im Gegenteil: frühzeitig Druck erzeugen ist wichtig. Die richtige Verhaltensweise wäre gewesen, ihr von Anfang Sätze in den Rücken zu schleudern wie:

„Nun mal schneller, andere Leute wollen auch mal Geld haben.“

„Ick will hia nich einschlafen!“

„Sie sind wohl von der gaaanz langsamen Truppe.“

Ungeduldig mit den Füßen scharren. Schuldgefühle erzeugen. Auf die Unfähigkeit hinweisen.

„Wo haben Sie denn Geldabheben gelernt?“
„Heben Sie sich Ihr Schneckentempo für’s Mikadospielen auf!“
„Das ist ein Geldautomat und kein Fernseher.“

Na, ich feile noch an meinen Formulierungen.

Hatte ja keine Berliner Mutter, also fehlt mir der Berliner Mutterwitz.

Auf jeden Fall: Diese Worte „man sollte“, das werde ich mir merken.

In Zukunft werde ich andere belehren, bevor sie mich belehren.

Aber hallo.

 

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Freundlich kann jeder

Vor kurzem bin ich richtig erschrocken. Da war ich in einem riesigen Supermarkt. Einem wirklich riesigen Supermarkt, wo es alles gibt. In Mandarinendorf gibt es entweder nur ganz klitzekleine Lebensmittelläden oder riesige Discounter. Aber dieser Supermarkt, in dem ich war, war wirklich riesig. Endlose Regalreihen, kaltes Neonlicht, Rolltreppen, die die zwei Ebenen des Einkaufsparadieses voneinander trennten. Man bekommt dort alles. Allerdings fühlt man sich auch leicht überfordert. Vor allem, wenn man etwas vergessen hat, muss man praktisch wieder die endlosen Regalreihen zurück verfolgen und läuft sich die Hacken wund.

An der Kasse passierte es dann. Zunächst war alles ganz normal. Das monotone „Pling“ des Barcode-Scanners reizte meine Ohrnerven.

(Kleiner Einschub: Es gibt in Mandarinendorf eine Discounter-Filiale, in der das „Pling“ des Barcode-Scanner einen Rhythmus hat. Und zwar, wenn man genau hinhört, merkt man, dass es der Titelmelodie von „Love Story“ entspricht. Diesem Film, in dem sich Ryan O’Neill in Ali McGraw verliebt. Er ein reicher Schnösel, der einen Konflikt mit seinen arroganten Eltern durch die Beziehung zu ihr, einer todgeweihten Musik-Studentin, in Kauf nimmt. Wahre Liebe eben. http://www.youtube.com/watch?v=GSaV5ux7QTE Wenn man dieses „Pling“ einmal als Melodie identifziert hat, wird man fast wahnsinnig, wenn man an der Kasse wartet. Klicken Sie schon mal auf den Link, während Sie den Rest lesen. Dann verstehen Sie, was ich meine.)

Jedenfalls. Die Kasse. Der riesige Einkaufsladen. Das „Pling“ der Scannerkasse. Monoton. Keine Melodie. Alle Waren laufen über’s Band und werden eigenhändig von mir in den riesigen Einkaufswagen geworfen. Und dann die Kassiererin. Freundlich. Interessiert.

„Und? War alles in Ordnung? Haben Sie alles gefunden?“

Ich erschrak. Was sollte denn diese Frage? War ich die auserwählte 100. Kundin, bei der besonders kundenorientiert gehandelt werden sollte? Für einen Moment suchte ich nach einer Kamera. Ich will auf keinen Fall ins Fernsehen, wenn ich einkaufe.

„Ja, ja“, sagte ich schnell. Und ging noch schneller weg.

Als ich es meinem Mann erzählte, nickte er verständnisvoll. Ihm sei das auch schon passiert. In diesem Discounter. Deshalb geht er dort gar nicht mehr einkaufen. Es sei dort ohnehin viel zu unübersichtlich, so dass man vieles gar nicht finde, was man eigentlich sucht. Und am Ende wird man dann auch noch gefragt, ob man alles gefunden hat. Er sei regelrecht zusammengezuckt, als die Kassiererin ihn befragte. Es reiche ja schon, dass die NSA alles über einen wisse, soll man da an der Kasse jetzt auch noch alles verraten? Zum Beispiel, ob man schlau genug ist, alles zu finden? Und was heiße das überhaupt, ob alles in Ordnung sei? Das wäre ja wohl eine sehr komplexe Frage, die man nicht eben mal an der Discounter-Kasse klären könne.

Wir waren uns einig, dass man das nicht so einfach machen kann mit uns. In einer Stadt, die für ihre Unfreundlichkeit und den völligen Mangel an Serviceorientierung bekannt ist, kann man nicht einfach so eine aufgesetzte Freundlichkeit präsentieren, als ob das normal wäre. So von heute auf morgen. Es gibt schließlich so etwas wie Gewohnheit. Außerdem geht enorm viel vom Esprit dieser Stadt verloren. Schließlich wartet jeder Tourist hier darauf, endlich mal richtig unfreundlich angeranzt zu werden. Wenn man freundlich behandelt werden will, kann man gleich in Köln oder in München wohnen. Freundlich kann schließlich jeder. 

The Börghain

Manchmal passieren hier schon merkwürdige Sachen. Wie eine Außerirdische kam die Frau auf uns zu. In unserem S-Bahnhof, der nun wirklich nicht in der Innenstadt liegt. „Excuse me!“ Ihr Englisch war skandinavisch gefärbt und sie nuschelte. Die Augen waren hinter einer sehr großen Stubenfliegerbrille versteckt. Der Kleidungsstil eine Mischung aus Hippieklamotten und teuren Marken. Derzeit laufen viele so herum. Wobei die Hippieklamotten vor allem bunt und ebenfalls teure Marken sind. Man sieht es ihnen nur nicht an. „Excuse me! Which way to the Börghain?“ Wie gesagt, wir standen vor den Rolltreppen, die zu den Bahnsteigen führten. Der S-Bahnhof, von dem ich spreche, liegt schon im Grünen. Hier überhaupt das Wort „The Börghain“ zu hören, ist wahnsinnig exotisch. Hier steigen Leute höchstens aus, weil sie zu ihren Lauben, zum Schwimmbad oder zum Park wollen. Oder weil sie hier wohnen. Die steigen da doch nicht aus, weil sie ihre Nächte im Drogenrausch im zuckenden Rhythmus eintöniger Musik verbringen wollen. (Wobei: was nachts in den Lauben so vor sich geht, weiß ich ja nicht). „This way!“ Wir wiesen ihr den Weg zur rechten Seite. Dort fahren Züge, die Reisende in die Innenstadt bringen. Es war zu kompliziert, ihr zu erklären, wo sie dann umsteigen müsste. Darum ließen wir es. Aber spätestens an der Friedrichstraße würde ihr ja vielleicht ein Licht aufgehen. Für einen Moment spielte ich mit den Gedanken, was passiert wäre, hätten wir ihr den anderen Bahnsteig empfohlen. Da wäre sie dann in eine exotische Welt – je nach Endhaltestelle der Bahn – geraten, weit weg vom Börghain, hinaus in die Vorstadt, in die Natur oder einfach nach Brandenburg. Das hätte eine lebensverändernde Erfahrung werden können. Es war übrigens Sonntag und noch nicht einmal 12 Uhr.

Berlin explosiv…

Neulich im Bus. Ich mag ja lieber Einzelsitze im Bus, deshalb sitze ich oft vorne in der Senioren-Area. Also ich sitze einzeln hinter einer älteren Frau, auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine dieser schillernden Figuren Berlins. Zuerst fallen mir ihre rosa Sandalen mit Korkabsatz auf, mindestens 8 cm hoch. Dann bewundere ich ihre Sonnenbrille, die von Ferne nach Prada aussieht, vom Nahen ist es aber nur Fossil. Schicket Haar, wa, rotblondjefärbte Locken, schlank, naja, eher zaundürr, und schon deutlich jenseits der sechzig. Vielleicht sogar 70, aber Topfigur und gut gehalten. Rauhe Stimme, die man nur nach langen Jahren hinter oder vor der Theke und intensiver Inhalation mindestens einer Schachtel pro Tag bekommt. Also man könnte sagen: schräg gegenüber saß auch eine alte Frau, aber die vor mir war eben eher von der „ich trage nur noch beige“-Fraktion und die andere war von der „ich trage auch im Sarg mindestens 8 cm hohe Schuhe“-Fraktion. Raten Sie mal, welche Fraktion mir generell sympathischer ist… Na, jedenfalls klingelt natürlich dann das Handy der rotblondgefärbten Dame und dann ging es los.

„Ja, wa, ick sitz hier im Bus. Ja, ja, mit dem ha’ick geredet, der wollte mir Hausverbot geben. Wieso denn Hausverbot, sa’ick, watt solln ditte? Sagt der, na weil’de imma so aggressiv bist, sa’ick watt heißt hia aggressiv, du weeßt ja jar nich watt aggressiv is bei mir, wenn ick aggressiv bin dann explodiert Berlin. Na, da war der ruhig. Ick bin schließlich Kampfsportlerin, ick hab n’schwarzen Jürtel, ha’ick. Fünf Minuten und ein Schlag und der liegt auf dem Boden. Na, kannste dir ja vorstellen, wir ha’m uns jedenfalls jeeinigt.“

Eine Station weiter stieg die beige Frau aus und beugte sich schnell zu mir rüber. „Das muss ja wohl nicht sein, dass man das alles mit anhören muss!“, meinte sie leise zu mir. „Was meinen Sie denn?“, fragte ich nach. „Na, das Telefonat!“ „Achso, das, na das ist doch spannend, ich hätte nie gedacht, dass dermaßen gefährliche Leute einfach so im Bus sitzen.“ Ich meinte das ernst, man schätzt Menschen immer völlig falsch ein. Die beige Frau bekam ein neckisches Lachen und drohte mir mit ihrem Zeigefinger bevor sie ausstieg.

Auf allet eingestellt…

In Mandarinendorf steht an der Bushaltestelle ein Rollstuhlfahrer. Auf der Rückseite des Rollstuhls klebt ein Schild: „Ich brauche keinen Sex. Mich fickt das Leben jeden Tag.“ Nicht in jedem Bezirk fände ich das lustig, in Mandarinendorf aber schon.

Im Supermarkt stehe ich an der Kasse und tausche mit der Verkäuferin einen stummen Blick aus. Wir wissen beide, dass der Kunde, der gerade dran ist, Alkoholiker ist, und es zu vertuschen versucht. Er redet wie ein Wasserfall. „Welchen Euro wollnse, den Deutschen oder den Italjena. Is Ihnen ejal? Na, dann behalt‘ ick den Italjena. Den brauch ick vielleicht für den neuen Papst. Dann bin ick auf allet einjestellt…“

Berlin ist eine Stadt, in der solche Aussagen irgendwie Sinn machen.

Mandarinendorf is so hot right now

Ganz ehrlich: ich lese ab und an in einer Boulevard-Zeitung, die umsonst beim Fitness ausliegt. Sonst wäre ich ja auch nicht auf den Artikel über die neue Nacktputzagentur gestoßen, die in Mandarinendorf beheimatet ist. Ausgerechnet hier!  Kleiner Hinweis für alle Interessierten: Deren Webadresse ist aus dem Wort „Putz“ und einer umgangssprachlichen Bezeichnung für das männliche Geschlechtsorgan zusammengesetzt. Das Wort fängt mit P an und endet mit l. Ich denke, Sie werden den Service schon finden. Auf der Webseite ist auch ein Glas Prosetscho zu finden, der sozusagen das Grundgetränk aufgeweckter Mandarinendorferinnen ist, was Sie auch meinem Beitrag über die hier gängige Prosetschovernichtung entnehmen können. Ich poste dies nur aus reiner Sensationsgier und sehe darin auch den Trend, den ich bereits mehrfach erwähnt habe, bestätigt, dass sich Mandarinendorf langsam macht und immer innovativer wird. Allerdings finde ich Nacktputzen bei Männern und bei Frauen gleichermaßen ein wenig unhygienisch und bei dieser Wetterlage auch äußerst ungesund…

Lana and me


Kürzlich musste ich meinem Kind erklären, wie es kommt, dass die ganzen Schaufenster voll sind mit Klamotten, die irgendwie billig aussehen, aber dass das ein Billigaussehen ist, das gewollt ist. Es geht um lachsfarbene Mohairpullover und schrill geblümte Leggings in blau und lila. Die Frau, die darin gewollt billig aussieht, hat ziemlich dicke Lippen. Warum ist billig auszusehen für manche Frauen sozusagen elementar und passend und warum sehen diese Klamotten, wenn sie an einer anderen Frau zu sehen sind, billig aus und irgendwie anders billig, also nicht gewollt billig? Dieses Thema ist sehr komplex, weshalb das Kind schon nach ungefähr 20 Sekunden nicht mehr zuhörte. Ich dagegen habe vor kurzem zwei Frauen in den geblümten Leggings gesehen und eine wichtige Feststellung gemacht. Die eine Frau war übrigens klein und dick, die andere hager und dünn. Was soll ich sagen? An beiden sahen die Leggings nicht entfernt so aus wie an Lana del Rey, was sicherlich dem Bildbearbeitungsprogramm zuzuschreiben ist, das für Werbung genutzt wird. Im Alltag kann man sich ja nicht einfach passend morphen. Dies führt mich nun abschließend zu der absolut komplexen Thematik, dass bei der einen Frau die Oberschenkel zu dick wirkten wegen des wilden Musters und bei der anderen war wiederum zu wenig Masse da und der Blümchenstretchstoff hing schlaff herunter. Ich denke jedenfalls, Männern wird es mit den Unterhosen von David Beckham ähnlich ergangen sein, was mich zu der Schlussfolgerung führt: man sollte sich nur Klamotten kaufen, die nicht von Prominenten beworben werden.

Disneyland Kreuzberg

Vor kurzem am Halleschen Tor. Die Geschichte hat sich wirklich so zugetragen, sie ist keine Erfindung. Vor mir stand eine kleinbürgerliche Familie aus der Provinz, was an Stadtplan und Reiseführer, die die Mutter beide in der Hand hielt, an den Outdoor-Jacken und vor allem am Dialekt erkennbar war. Ich will jetzt nicht wieder zu Unrecht die Schwaben beschuldigen, aber der Dialekt des Wortführers, eines bestimmt sechzigjährigen, drallen Grauhaarigen, hörte sich schon nach Baden-Württemberg an. Ich bin mir aber nicht sicher, weil ich Rheinland-Pfälzisch oder Mainzerisch oder so etwas viel seltener höre. Ausschließen kann ich aber alle nordischen Dialekte, Rheinländer, Bayern, Franken, Hessen, Thüringer und Sachsen. Die hätte ich erkannt. „Wo geht es hier zu diesem Markt?“, fragte mich das Oberhaupt der Familie. Die drei Kinder und die Mutter hielten sich im Hintergrund, was mir zeigte, dass es das Patriarchat nicht nur in muslimischen Familien gibt, obwohl immer so getan wird. „Ja, welchen Markt meinen Sie denn?“, fragte ich erstaunt zurück. Hallesches Tor? Ein geheimer Markt, den ich nicht kenne? Und dann sagte dieser Mann, dieses Klischee von Provinz-Tourist, tatsächlich: „Ja, da wo die Türken sin‘, wo soviel los ist, wo ma imma soviel hört!“

Ja, Kreuzberg – da musste durch! Nicht nur die schicken, hippen Touristen aus Amerika, Spanien, Frankreich und Australien wollen dich besuchen und deine alteingesessenen Bewohner begaffen wie Zootiere! Nein, auch die deutschen Verwandten aus der Provinz wollen sehen, wo deine Türken leben! Sie sind nur, obwohl die Sprachbarriere nicht ganz so groß ist, zu ungeschickt, um auf Anhieb den richtigen Weg zu finden. Zuerst zögerte ich, aber dann dachte ich, dass ich mich als Aufklärern verstehen sollte. Ich wies auf die Hochbahn und erklärte ihnen, wie sie zum Kottbusser Tor kommen würden. Von da, so hoffte ich, würden sie schon den richtigen Pfad finden. An diesem Tag war sowieso kein Markttag am Maybachufer, das versicherte ich ihnen auch mehrfach, aber wenn sie jetzt eben schon mal da waren, dann sollten sie auch mal was sehen von dieser großen wunderbaren Stadt. Daheim haben sie dann wenigstens was zu erzählen.

Auf dem Bücherstrich

Und während ich in Mandarinendorf noch am Schreibtisch saß und mein Manuskript zu Ende bringen sollte, schweiften meine Gedanken sogar mehrfach ab. Eigentlich wurde ich von Schreckensvisionen geplagt: Ich wie ich versehentlich eine falsche Datei an den Verlag lieferte. Der druckte daraufhin ein Buch mit weißen Seiten, das er vor meinen Augen einstampfte. Schrecklich! Ein Alptraum! Ich war dermaßen geängstigt, dass ich die Glotze anschaltete und auf eine blondierte junge Frau blickte. Ich will jetzt nicht so tun als ob ich noch nie von ihr gehört hatte: es handelte sich um Daniela Katzenberger, die Fernsehberühmtheit und Bestsellerautorin. Sie posierte auf der Buchmesse neben dem älteren, fernsehaffinen Literaturkritiker Karasek, der sagte, er habe sie vorher noch nie gesehen (was sicher gelogen war), er finde sie aber sehr attraktiv (alte Literaturkritiker haben einen merkwürdigen Frauengeschmack, nun ja!). Neid machte sich in mir breit, dass diese Frau auf Anhieb einen Bestseller gelandet hatte. Ich sah mich plötzlich selbst wie ich auf dem Bücherstrich für alternde intellektuelle Frauen einem alten Literaturkritiker hinterher lief und flüsterte: “Pst, pst, hier mein Buch, es ist voll tiefgründig, aber auch humorvoll, es kommt sogar Sex drin vor und hey, zum Selbstkostenpreis, wie wär’s. Krieg ich ‘ne schöne Kritik?” Zum Glück meldete sich eine innere Stimme und mahnte mich, den Neid doch sein zu lassen. Gönn’ der jungen Frau ihren ersten literarischen Erfolg! Hast du nicht selbst auf dem Gymnasium deine Facharbeit über das Thema “Der Arbeiter im Spannungsfeld der Literatur” geschrieben? Und ist es nicht toll, dass eine junge Frau aus proletarischen Verhältnissen dieses Spannungsfeld für sich entdeckt hat? Und, komm, es gibt ja gar keinen Bücherstrich! Hach, diese innere Stimme, sie ist einfach zu gut, um wahr zu sein. Mein Neid war plötzlich wie weggeblassen, weil ehrlich: lass die Blondine erstmal vierzig werden…

Marktforschung

Als ich kurz nach Abgabe meines Manuskripts in der Bücherei in Mitte war, fiel mir auf dem Rückweg eine Möglichkeit ein, endlich mal einen Bestseller zu landen. Es wird um eine junge Frau, gutaussehend, aber mit Problemen gehen. Sie leidet unter Hämorrhoiden, was ja eher ungewöhnlich bei einer jungen Frau ist. Gleichaltrige Männer können sie deshalb nicht verstehen. Sie ist auch ein bisschen pervers. Sie steht auf ältere Männer, ich spreche hier so von vierzig aufwärts, richtig alte Säcke, so mit Glatze, Bauchansatz und womöglich auch schon ersten sexuellen Funktionsschwierigkeiten. Die Perversion besteht darin, dass ihr das alles nichts ausmacht. Sie ist auch mit einem alten Sack verheiratet, fängt aber ständig mit anderen alten Säcken etwas an und es geht voll ab, sextechnisch. Ich bastele noch so ein bisschen daran, wie der Roman endet. So eine Mischung aus „Liebesleben“ von Zeruya Shalev und „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche wird es halt werden, da bin ich ganz ehrlich. Ich steh‘ zwar eigentlich nicht wirklich hinter dem Plot, weil ich würde ja viel lieber über eine ältere Frau, so um die vierzig schreiben, die verheiratet, aber dermaßen attraktiv ist, dass ihr praktisch ständig junge Männer nachlaufen und sie deshalb neben ihrer Ehe ständig Liebschaften pflegen muss, was ihr Leben spannend, aber sehr anstrengend macht. Schöner Plot, finde ich, und so realitätsnah. Ich muss jedoch marktorientiert denken und heute habe ich bei Hugendubel die Zielgruppe, die ich anpeilen werde, vor mir an der Kasse gesehen: alte Männer, die Bücher wie „Schoßgebete“ lesen. Es gibt sie und sie sind bestimmt keine Minderheit. Man denkt immer nur, dass Frauen so etwas lesen, aber in Wirklichkeit stehen alte Männer auf diese Bücher und die haben auf jeden Fall eine gewisse Kaufkraft. Und wenn da, so wie bei mir, auch noch ältere Männer dezidiert vorkommen als Protagonisten, dann sehe ich die Verkaufszahlen schon in die Höhe klettern. Das Gute ist, dass auch Literaturkritiker in der Mehrzahl ältere Männer sind. Geschichten von jungen perversen Frauen loben die in hohen Tönen wegen ihrer Authentizität. Das weiß ich. Ich habe praktisch schon ausgesorgt.