Sicherheitsabstand

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In Berlin gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Belehren oder Belehrtwerden.

Eine dunkle Ecke im S-Bahnhof. Ein Geldautomat. Kein schöner Ort, weil nach Urin riechend, aber günstig auf dem Nachhauseweg gelegen. Normalerweise ist in dieser Ecke nie jemand. Vorgestern, gerade als ich Geld abheben wollte, stand eine Frau dort. Sie suchte umständlich in ihrem dicken Portemonnaie herum. Offensichtlich fand sie ihre Scheckkarte nicht. Als ich noch überlegte, ob ich ihr helfen sollte, quetschte sich so ein jungscher Typ vor diese Frau und fragte, ob er mal eben Geld abheben könnte. Zu meinem Entsetzen sagte sie – ja. Das war schon mal die erste Geduldsprobe. Nachdem die Scheckkarte gefunden war, dauerte der Abhebevorgang dieser Frau natürlich auch nochmals seine Zeit. Zeit, in der ich einer alten Frau mit Rollator den richtigen Weg weisen konnte, und außerdem von einem Mann darauf hingewiesen wurde, dass es einen anderen Automaten im S-Bahnhof gebe. Vielleicht war die Frau, die in Schneckentempo den Geldautomaten bediente, eine stadtbekannte Zeitlupenabheberin und der Mann meinte es nur gut. Die Info taugte allerdings nicht viel. Der Automat, den er meinte, war nicht von meiner Bank. Ich wollte keine 5 Euro nur für’s Abheben bezahlen.

Ich stand dann ca. einen Meter hinter der Frau und – obwohl ich kurzsichtig bin – erkannte ich die übliche Höflichkeitsfloskel des Automaten, die nach dem Abhebevorgang auftaucht: „Vielen Dank und bis zum nächsten Mal!“ (oder so ähnlich). Ich sah sogar die Höflichkeitsfloskel, die danach für den nächsten Kunden auftaucht: „Guten Tag! Bitte schieben Sie Ihre Karte hinein!“ (oder so ähnlich). Die Frau vor mir schob ihre Karte genauso umständlich, wie sie sie gesucht hatte, wieder in das dicke Portemonnaie zurück. Und da riss mir dann doch der Geduldsfaden.

Ich sagte:

„Ähm, könnte ich vielleicht jetzt doch mal an den Automaten ran?“

Zögern. Warten.

Die Frau dreht sich gaaaaanz langsam um. Ihr Blick wirkt, was mir bereits am Anfang des ganzen Vorganges schon auffiel, leicht sediert.

„Also ick bin noch nich fertig. Ditt macht man och nich, dass man so nah aufrückt, man hat einen Sicherheitsabstand einzuhalten, ditt sollten Sie wissen. Ditt isso.“

Okay. Ruhig. Einmal durchatmen.

„Man sollte vielleicht auch nicht Stunden brauchen, um Geld abzuheben“, sagte ich pampig.

Hätte vielleicht zweimal durchatmen sollen.

Aber diese zwei Worte gehen runter wie Öl. Das tut echt gut, dieser Dame mal zu sagen, was man eigentlich tun sollte. Man sollte nicht einen solchen jungschen Typen vorlassen, während hinter einem eine nette, geduldige Frau wartet, die die Wartezeit nutzt, um einer alten Frau mit Rollator zu helfen und unaufgeforderte Information abzuwehren, einer Frau, die geduldig wartet, sich all der Achtsamkeitsübungen zu erinnern versucht, die sie je gelernt hat, so von wegen „Nutze die Wartezeit und bleibe ganz im Hier und Jetzt, das Warten tut dir gut, du fühlst dich schon ganz ruhig und entspannt.“ Man sollte so eine Frau nicht unnötig warten lassen, wenn sie Geld braucht.

„Nein! Man hat einen Sicherheitsabstand einzuhalten hinter dem Geldautomaten“, sagt die olle Schrulle.

Ich hätte dreimal durchatmen sollen.

„Ja, ja. Man hat sich auch zu beeilen, wenn hinter einem eine Schlange wartet.“

Das war jetzt echt übertrieben. Eine Person, also ich, ist ja noch keine Schlange.  Aber ich kann dann eben auch zur Schlange werden. In so einer Situation. Eine ganz gefährliche Schlange, die einer ollen Schlange hinterher schreit.

„Ja, ja, man sollte, man sollte sich mal beeilen, wenn man am Geldautomaten steht.“

Da zog sie von dannen.

Und ich habe es begriffen: Es lohnt sich in Berlin überhaupt nicht, geduldig zu sein. Im Gegenteil: frühzeitig Druck erzeugen ist wichtig. Die richtige Verhaltensweise wäre gewesen, ihr von Anfang Sätze in den Rücken zu schleudern wie:

„Nun mal schneller, andere Leute wollen auch mal Geld haben.“

„Ick will hia nich einschlafen!“

„Sie sind wohl von der gaaanz langsamen Truppe.“

Ungeduldig mit den Füßen scharren. Schuldgefühle erzeugen. Auf die Unfähigkeit hinweisen.

„Wo haben Sie denn Geldabheben gelernt?“
„Heben Sie sich Ihr Schneckentempo für’s Mikadospielen auf!“
„Das ist ein Geldautomat und kein Fernseher.“

Na, ich feile noch an meinen Formulierungen.

Hatte ja keine Berliner Mutter, also fehlt mir der Berliner Mutterwitz.

Auf jeden Fall: Diese Worte „man sollte“, das werde ich mir merken.

In Zukunft werde ich andere belehren, bevor sie mich belehren.

Aber hallo.

 

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Der große Gelbe

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Öfter standest du in Flammen
du wolltest nicht mehr
sinnlos
durch den Großstadtdschungel
fahren.

Dein Herz fing Feuer
dein Lebensmotor explodierte
herzlos
bliebst du in Mandarinendorf
stehen.

Deine Fahrer tun es dir gleich
bleiben stehen
weil ihnen
das fehlende Vorzeigen eines Fahrscheins
die Mitnahme von Döner
das Ausspucken kleiner Mengen Speichel
das Leben an sich
die Nase der Mitfahrenden
nicht passt.

„Ick fahr nich‘ mehr weiter“ –
Dieser Satz lässt genauso
wie dein explodierender Motor
oh, großer Gelber,
die Herzen der Mitfahrenden
schneller schlagen.

Bis du dich wieder fängst
und dein Fahrer sich einkriegt
und dein Motor wieder rattert
oder die Feuerwehr weißen Schaum
über dein Haupt sprüht.

Oh, großer Gelber,
kanarienvogelgleich
gleitest du über die
grauen Straßen Berlins.

(Okay. Das wurde schon wieder eine Ode)

 

Sijaretten

Frauen und Ssijaretten

Foto 2„Ssijaretten, imma willse Ssijaretten von mia!“, sagte der junge Mann in der S-Bahn zu der Frau, die neben ihm saß. Ich war am S-Bahnhof Feuerbachstraße eingestiegen und hatte mich dem jungen Paar gegenüber gesetzt. Sie waren beide Anfang zwanzig und wahrscheinlich waren sie gar kein Paar, weil er ihr ja von einer anderen Frau berichtete. Diese Frau schien eine ausnutzerische, wenig Eigeninitiative zeigende Person zu sein. Wenn er nicht zufällig zwei Beziehungen gleichzeitig führte, dann musste die Frau in der S-Bahn die platonische Freundin sein, der er sein Leid über seine richtige Freundin klagte. Deren offensichtlichster Charakterfehler bestand darin, dass sie hoffnungslos nikotinabhängig war und ständig Zigaretten von ihm wollte.

Erst dachte ich, der junge Mann hätte einen Sprachfehler, würde lispeln, aber dann fiel mir ein, dass der Berliner ja gerne statt Z ein stimmhaftes S spricht.

„Ick saje ssu ia: ick kann nich imma Ssijaretten koofen, dit is ma ssu teuja, ick hab’ ooch nich soviel Jeld!“

Mir fiel auf, dass er unheimlich davon profitierte, dass Frauen oft so geduldig sind und klaglos zuhören. Wahrscheinlich beschwerte er sich bei der Frau, die immer Zigaretten wollte, über die andere Frau, weil die immer nur nickte und nichts sagte.

Seine zigarettenrauchende Freundin war jedenfalls ganz schön kess: „Da sacht se ssu mia: Komm’ jib ma noch eene Ssijarette, nua eene! Sach’ icke zu ia: Et jibt keene Ssijaretten mehr, komm’ Mädel, hör’ do’ uff, Roochen is sowieso nich jut fü’ dia, lass’ do’ die Ssijaretten!“

Frauen können so egoistisch sein! Fast hätte ich mich eingemischt in das Gespräch und zu ihm gesagt: „Mensch, Junge, die Frau will doch nur Deine Ssijaretten, lass die doch laufen!“ Aber mir fällt es schwer, das Wort Ssijaretten kunstgerecht auszusprechen, und eigentlich mische ich mich in persönliche Gespräche, die in der S-Bahn stattfinden, grundsätzlich nicht ein. Seine platonische Freundin jedenfalls nickte weiter und schaute aus dem Fenster. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich mich geirrt haben könnte. Vielleicht war sie gar nicht wirklich seine platonische Freundin und auch nicht seine Zweitfrau, vielleicht war er einfach nur einer von diesen Typen, die einen in der S-Bahn oder U-Bahn anquatschen und nicht locker lassen, egal wie gelangweilt man aus dem Fenster schaut. Die, selbst wenn man deutlich gähnt, nicht mit ihrem Redefluss aufhören. Auch da profitieren Männer von der unendlichen Geduld von Frauen, die sich belabern lassen statt einfach zu sagen: „Jetz’ höa do’ ma’ uff, lass’ ma in Ruhe mit die doofen Sijaretten, Alta!“