Unter Zypressen

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Ein Gehirnchirurg spielt Tennis am Strand

Ob er Gehirne operiert, ist mir nicht wirklich bekannt

Ich habe mir das nur ausgedacht,

damit mein Mann über meine Einfälle lacht,

die mir in der flirrenden Hitze kamen,

unsere drei Gehirne drohten zu erlahmen,

ein Milchshake und zwei schaumige Frappés,

wir sitzen im Schatten eines gekühlten Cafés

der Blick geht hinaus zum funkelnden Meer

hier kommen wir jeden Morgen her

wir säen nicht, wir ernten und essen,

wir trinken und suchen Zypressen,

so heiß wie hier, ist es nur dort,

deshalb ist es ja unser Sehnsuchtsort.

 

(Wieder mal ein Fundstück aus dem Studium „Biografisches und Kreatives Schreiben“ – kleine Impression aus einem sehr heißen Sommer auf Naxos. Letztes Wochenende war es ähnlich heiß am Schlachtensee.)

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Ode an den Prenzlauer Berg

Deine Häuser, oh Prenzlauer Berg, sind vom
Krieg nach Bullerbü gewandert
Die Narben zugekleistert mit Make up
Schäbig ist hier nur die gewollte Fassade.

Bei dir wird der Kaffee aus Gläsern getrunken
und Touristen frühstücken irgendwas mit Ei.
Überall grasen Kühe, die unsichtbar bleiben,
die Kinder essen auf den Wiesen Hokuspokus-Eis.

Die Straßenmusiker sind schön und wirken gecastet
und ihre Melodien passten in jeden Werbespot über
Einrichtungshäuser oder Bausparkassen.

Am liebsten würde man dazu im Seidenrock tanzen,
aber da ist die Angst, dass es die Nachbarn stören könnte.

 

Ode an Lichtenrade

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Verunglimpft als spießig und peripher

liegst du vor mir als Traum aus Wald und Meer

jeden Sonntag gibt es Brot und Torte

und zwar von der leckeren Sorte.

 

Großziethen ist deine Schwester im Osten

die Wege voller Beeren zum Essen und Kosten

es schlängelt sich fruchtbar am Rande dahin

und lässt die Wolken nach Buckow ziehen.

 

In Lichtenrade lässt es sich gut leben

doch noch besser über Wälder schweben

im großen Nichts am Rande der Stadt

findet eben Erholung erst wirklich statt.

 

(Eigentlich im strengeren Sinn keine Ode, aber das liegt am Thema, nicht an mir).

Deo ex Sprühdose

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Es war an einem der ersten Tage, an denen es in Berlin nach wochenlangem miesen Wetter, endlich einmal wärmer war. Es war ein Tag, an dem die Menschen dermaßen außer Häuschen über das traumhaft sonnige Wetter waren, dass sie sich sofort deutlich weniger bekleideten. Die S-Bahn, die bei Tageslicht fuhr ehe sie hinter dem Bahnhof Yorckstraße in den dunklen Schacht hinein glitt und Fahrgäste und Innenraum in kaltes Kunstlicht hüllte, ratterte fröhlich vor sich hin. In Friedenau stieg ein Pärchen zu, das sich noch weniger bekleidet gab als der Durchschnitt der Fahrgäste. Sie trugen Shorts und T-Shirts, die viel Haut frei ließen. Sie konnten es sich aber auch leisten, rein von der Körperästhetik her, was nicht heißen soll, dass andere Menschen es sich nicht leisten können. Leisten kann es sich jeder, aber es gut aussieht?

Bei dem Pärchen sah viel Haut mit kurzen Shorts und T-Shirt gut aus. Punkt. Dazu Sonnenbrillen (verspiegelt), Make up, hohe Schuhe, Reisegepäck und ein Schoßhündchen, das auf dem Arm getragen wurden. Kim Kardashian und Kanye West in der Berliner Touri-Version. Genau. Ich glaube, diese Beschreibung macht deutlich, was ich meine. Ein schönes Paar, ein Paar, das die S-Bahnfahrt weniger langweilig macht, weil es was zu gucken gibt.

Dann: Zwei Stationen weiter, die S-Bahn-Türen öffnen sich und der erste Stinker dieses Jahres stieg ein. Es charakterisiert den öffentlichen Nahverkehrs Berlins (sicher nicht nur den), dass das ganze Jahr über schlecht riechende Menschen in die Verkehrsmittel einsteigen und dort verkehren. Irgendwie scheinen dicke Anoraks oder Wintermäntel einen gewissen Isoliercharakter zu haben, der die Gerüche am kompletten Ausströmen hindert. Oder der Luftaustausch funktioniert schneller, wenn es im Waggon warm und außen kalt ist. Was weiß ich. Ich kann nur meine Beobachtungen mitteilen und wenn es wärmer wird, warte ich auf den ersten Stinker.

An besagtem Tag dieses Jahres war es soweit. Ein Mann stieg ein, den ich aus Personenschutzgründen nicht näher beschreiben werde. Es ist auch gar nicht so wichtig wie er aussah, weil sein Geruch das eigentliche Thema ist. Ein unsäglicher Geruch – kann ich nur sagen. Als ob sich Limburger Käse mit einer seit Jahren nicht geputzten Herrentoilette gepaart hätte und in die S-Bahn einsteigt. So ungefähr das Gegenteil von Kim Kardashian und Kanye West, die in der Touri-Version nach Opium von Yves Saint Laurent oder so einem Zeugs rochen.

Ich bin großstadt- und S-Bahnerfahren und glücklicherweise trug ich einen Schal. Der Mann (ja, es war ein Mann und die Stinkerquote bei Männern ist einfach am höchsten, da spreche ich aus Erfahrung) ging durch den Waggon und hinterließ diese Wolke aus Pech und Schwefel. Für einen kurzen Moment glaubt man ja in so einer Situation, es wäre eine Geruchshalluzination und könne nicht wahr sein. Aber dann wird einem plötzlich nur noch kotzübel und man denkt mit Schrecken wie groß die Abstände zwischen den S-Bahnhöfen sind.

Auf einmal wird klar, dass das Leben im Mittelalter rein geruchstechnisch furchtbar gewesen sein muss und es ist verständlich, dass sich die Adeligen mit Parfum besprühten. Stichwort Parfum: Ich hatte ja meinen Schal und als die Wolke immer dichter wurde, band ich mir diesen als Geruchsschutz um und atmete möglichst flach. Das schien auf die anderen Passagiere eine befreiende Wirkung zu haben, weil plötzlich einige hechelten, sich die Nase zuhielten oder sich Luft zufächelten (was in so einer Situation eher ungünstig ist!). Das Schoßhündchen von Touri-Kim reagierte nicht, Hunde sind ja an strengen Gerüchen eher interessiert. Wahrscheinlich dauerte es deshalb und wegen ihrer eigenen Hülle aus „Opium“ bis sie den Geruch wahrnahm. Dann hatte sie aber einen herzzerreißend angeekelten Gesichtsausdruck und wurde unter den Tonnen von Make up blass.

Kim griff in ihre gefakte Gucci-Tasche und holte ein rosa Deo-Spray heraus, stammelte mit – tatsächlich! – amerikanischem Akzent „Sorry“ und hüllte den Wagen in eine Wolke aus sehr billig riechendem Deo. Ich kann nicht sagen, was schlimmer war. Die Kombination aus Billig-Deo und Stinkergeruch ist so ziemlich das Schlimmste, was in der S-Bahn (oder U-Bahn) zu ertragen ist. Schon lange war ich nicht mehr so dankbar dafür, als der S-Bahnhof Anhalter Bahnhof in Sichtweite kam und ich dem Pest- und Deo-Odem des Waggons entfliehen konnte. Ich nahm mir vor, ab jetzt immer etwas dabei zu haben, um es Kim gleich zu tun und den Stinker-Geruch etwas entgegensetzen zu können.

Ich konnte mich aber nicht entscheiden, ob Kölnisch Wasser oder Lufterfrischerspray (Flieder oder Tanne?) das richtige Utensil wären. Ohne Schal fahr ich jedenfalls nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Da kann es heiß sein wie es will.

 

Verrücktes Berlin

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Ich sehe in die Menschenmenge

Sie sind mir alle so unglaublich fremd

Ich schlängle mich aus der Enge

Und bemerke, wie sie mich mustern

Liegt es etwa an meinem Kleid?

 

Nein! Das kann es nicht sein

Die Menschen in Berlin sind alle verrückt!

Da falle ich doch nicht auf

Sie sind doch alle bunt, groß, klein

Oder – wie ich – mit Blumen geschmückt

 

Ich bemerke, dass sie nicht mich anschauen

Sie schauen ein bettelndes Kind an

Ich hoffe, es wurde nicht verhauen

So ist es in Berlin!

Es gibt gute und schlechte Seiten

Und sehr viele Schwierigkeiten

 

(von Mila Lausch)

Gefragt sein in Berlin

 

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(Die Waisenstraße ist nicht in Mandarinendorf, die befindet sich im Bezirk Mitte)

 

In Mandarinendorf gibt es eher selten Touristen, die sich hierher verirren. Erlebnisse wie die mit der jungen Frau, die den Weg zum Börghain suchte, zeigen, dass es durchaus vorkommen kann, aber es ist doch selten. In Mandarinendorf sind es vor allem Einheimische, die vom Weg abgekommen sind. (Das schließe ich aus ihrem Berliner Akzent und der Tatsache, dass sie entweder vor oder hinter den S-Bahn-Brücken gelandet sind und nicht mehr weiter wissen.)

Ich bemühe mich  redlich meiner Aufgabe als gefragte Wegweiserin kompetent und verlässlich nachzukommen. Selten schicke ich jemanden falsch. Mich wundert allerdings das Misstrauen, das mir von Berlinern und Berlinerinnen  entgegenschlägt. (Die Touristen sind meistens derartig gutgläubig, dass es mir hinterher sehr Leid tut, wenn ich Ihnen doch einmal einen falschen Weg gewiesen habe.)

Die Berlinerinnen und Berliner, die in Mandarinendorf landen und nicht mehr weiter wissen, sind meistens misstrauisch. Zum Beispiel, wenn ich Ihnen Fragen stelle. Ich stelle diese Fragen ja aber nur, weil ich so oft gefragt werde, dass ich schon eine gewisse Routine habe. Eine wirklich häufig gestellte Frage von Menschen, die sich unter die S-Bahnbrücken in Mandarinendorf verirren und dann Orientierung suchen, ist: „Wissen Sie wo die R-Straße ist?“ Meine Gegenfrage lautet dann: „Wollen Sie zum Friedhof oder zur Schule?“

Das hat einen Grund. Die meisten wollen entweder zur Schule oder zum Friedhof und für den Friedhof müssen sie hinter den S-Bahnbögen rechts und zur Schule nach links. Das ist ja wohl ein großer Unterschied. Oder die Frage nach der B-Straße. Da frage ich vorab: „Wollen Sie ins Altersheim oder zu Ikea?“ Ikea ist nämlich ein ganzes Stück von Mandarinendorf entfernt, da lohnt es sich, zurück zum S-Bahnhof zu gehen und noch einmal mit der S-Bahn zu fahren. Das Altersheim dagegen liegt am Anfang der B-Straße und ist dadurch fußläufig zu erreichen. Ich frage solche Fragen doch nicht aus Spaß oder weil ich ein chronisch neugieriger Mensch bin.

Dann ist da die Sache mit der Ungläubigkeit. Auf die Frage, wo denn die Lokhalle sei, kann ich guten Gewissens antworten, dass sie sich auf dem Südgelände befindet. Ich kenne das Problem. Die meisten, die mich fragen, haben den Eingang am S-Bahnhof verpasst, ihn einfach nicht gesehen, obwohl er ziemlich deutlich gekennzeichnet ist. Dann gehen sie weiter, unter die S-Bahn-Brücken und sehen dort auch den zweiten Eingang nicht, der ebenfalls klar gekennzeichnet ist. Gut, es dämmert im Herbst und Winter schon früh. Oft wird mir die Frage nach der Lokhalle deshalb auch in der dunklen Jahreszeit gestellt, wenn die Leute den Adventsmarkt in der Lokhalle suchen.

Wenn ich dann – routiniert – sage: „Die Lokhalle? Da müssen Sie zurück zum Südgelände?“, dann kriege ich oft ein pampiges „Sind Se sicher?“ zu hören. Na klar, ich wohne hier. Warum würde ich es sonst wagen, irgendjemanden den Weg zu weisen. „Ja, die Lokhalle ist im Südgelände. Gehen Sie entweder durch den Eingang unter den S-Bahn-Brücken, da müssen Sie dann eine Treppe hoch und immer gerade aus und dann dürften Sie es schon sehen. Oder, wenn Ihnen das zu unheimlich ist, gehen Sie ganz zum S-Bahnhof zurück und nehmen den Eingang dort“, sage ich freundlich. Aber es nützt nicht viel.

„Den Eingang haben wir ja nicht gesehen!“
Das ist ja eigentlich nicht mein Problem.
„Der ist aber dort. Gucken Sie doch einfach mal. Es gibt auch ein Schild.“

Ich erinnere mich an eine besonders hartnäckige Gruppe Berliner, die nur widerwillig in die von mir gewiesene Richtung gingen. Für einen Moment bereute ich es fast, Ihnen nicht den Weg zu Ikea erklärt zu haben oder zum Friedhof. Da hätten sie dann ihr tiefes Misstrauen endlich bestätigt gesehen.

Wieviel einfacher sind solche typisch touristischen Fragen wie „Wo finde ich denn hier Curry 36“ oder „Mustafas Gemüsedöner soll hier in der Nähe“ sein.

Routiniert kann ich da nur sagen: „Sehen Sie die lange Schlange? Reihen Sie sich einfach ein.“

 

Am Schlachtensee

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Kürzlich habe ich überlegt, welche Orte die ersten waren, die ich in Berlin kennenlernte. Im Sommer 1989 fuhr ich per Mitfahrgelegenheit in die Großstadt und stieg am Theodor-Heuss-Platz aus dem Auto. Ich war mir nicht sicher, wo ich übernachten würde, denn ich hatte nur einen lockeren Kontakt zu jemanden, der ein Zimmer vermietete. Zuerst fuhr ich mit der U-Bahn zum Zoologischen Garten, dann mit der S-Bahn weiter Richtung Wannsee. Am S-Bahnhof Wannsee überlegte ich, ob ich dort einfach im Freien übernachten sollte. Mit einer Freundin hatte ich schon einmal in München im Englischen Garten genächtigt. Einen Schlafsack hatte ich dabei. Den Gedanken verwarf ich, als es dunkel wurde. Ich rief – von einer Telefonzelle – den Typen an, der mit das Zimmer angeboten hatte. Er sagte, er wohne im Wedding. Ich fragte, ob ich bis zum U-Bahnhof Wedding fahren müsste, aber er wohnte viel weiter nördlich im Afrikanischen Viertel. Der Typ bot mir noch an, sich vorher mit mir zu treffen, damit ich mich überzeugen könne, dass er nicht pervers oder verrückt sei. Ich war mutig genug, einfach in den Wedding zu fahren. Der Typ war schwul und arbeitete als Kellner. Er war nett. Ich wohnte drei Wochen bei ihm. Es war Sommer und ich vermisste ziemlich schnell die Natur in der Großstadt. Ich genoss die Anonymität der Großstadt, aber ich vermisste das Baden im See. Wie ich auf die Idee kam, zum Schlachtensee zu fahren, weiß ich nicht mehr. Den Wannsee kannte ich ja schon von meinem allerersten Tag in Berlin. Vielleicht erzählte mir der Typ, der mir das Zimmer vermietete vom Schlachtensee. Ich weiß es nicht mehr. Mir gefiel der Schlachtensee. Bis heute ist es mein Lieblingssee in Berlin. Leider nicht nur meiner.

Frisurgeschichten

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In meiner Jugend gab es in dem Ort, in dem wir wohnten, nur einen Frisörsalon. Die Frisösen trugen pastellfarbene Nylonkittel und der Chef war ein Mann. Die gesamte Einrichtung dieses Salons könnte man heutzutage in einen Laden in Neukölln stellen und dort dann wahlweise eine Raucherkneipe, einen Frisörladen oder ein shabby chic Café eröffnen.

In meiner Jugend in der Kleinstadt konnte niemand mit meinen Haaren umgehen. Die Frisösen waren eher auf die Wünsche von älteren Frauen eingestellt. Dauerwelle oder Fönfrisur. Ich habe Naturlocken. Der Chef hat mir einmal die Haare auf große Lockenwickler gedreht, dann kam ich unter die Trockenhaube. Hinterher hatte ich irgendwie keine Locken mehr. Ich weinte oft wegen solcher Frisörerlebnisse. Einmal gab es dort eine angestellte Frisörin, die sich über meine Naturlocken freute. Sie schnitt mir die Haare ganz kurz. Ich hatte viele kleine Kringellöckchen. Das sah lustig aus. Die Frisöse blieb aber nicht lange in dem Frisörsalon tätig.

Später schnitt ich mir die Haare nur noch selbst. Zum Glück war ich als Jugendliche ziemlich öko und feministisch. Zu dieser Mode passte der Side cut, den ich mir selbst verpasste und von dem ich damals ja noch nicht wusste, dass man ihn so nennt. Ich färbte mir die Haare mit Hennapulver. Bei meinen dunklen Locken ergab das einen Mahagoniton. Ich fand, Schnitt und Farbe standen mir gut. Mein Vater behauptete, die Schuhe, die ich trug, ähnelten den Spangenschuhen von katholischen Mönchen. Er lachte darüber und auch über meine Vorliebe für Latzhosen, Plüschjacken und indischen Hemden. Meine Mutter weigerte sich gelegentlich, mit mir auf der Straße gesehen zu werden. Einen größeren modischen Erfolg kann man als Kleinstadtjugendliche eigentlich kaum erzielen.

Als ich 1989 nach Berlin zog, stellte ich fest, dass Birkenstockschuhe und bunte Kleidung hier nicht funktionierten. In einer Disco rief mir jemand „Hey, da ist ja eine vom Bhagwan“ nach. Ich trug eine bunt gemusterte grüne Hose und ein Stirnband aus gebatikter Seide. Irgendwie blieb der Satz an mir hängen und ich trug von da an keine Birkenstocksandalen mehr, wenn ich ausging. Meine Haare schnitt ich aber immer noch selbst.

Erst Jahrzehnte später, hatte ich die ewig schlecht geschnittenen halb langen Locken satt und ging zu einem türkischen Friseursalon in Kreuzberg. Ich sagte zu der Friseurin, dass ich eine natürliche Frisur wollte. Es sollte nicht nach Dauerwelle aussehen. Als sie mit dem Schnitt fertig war und meine Haare geföhnt hatte, sah ich, dass meine Haare aussahen, als ob ich eine Dauerwelle hatte. Meine Frisur ähnelte der Frisur der Frisörin. Ich hatte nur keine blonden Strähnchen. Fast hätte ich geweint wie früher in meiner Jugend in der Kleinstadt. Ich trug eine Mütze, als ich nach Hause ging.

Irgendwann entdeckte ich in Neukölln einen Salon, der „Zur flotten Locke“ hieß. Die Frisörin war jung, schnitt mir die Locken ganz einfach so wie ich es ihr gesagt hatte. Sie nahm zehn Euro für den Schnitt, aber ich gab ihr fünfzehn Euro. Ich hatte das Gefühl, dass sie selbst für Neukölln zu billig war. Leider stimmte meine Einschätzung. Irgendwann, nach einem Jahr, war der Laden von heute auf morgen weg. Als nächstes zog ein arabischer Kulturverein in den Laden. Inzwischen hat dort bestimmt ein shabby chic Café oder eine Raucherlounge aufgemacht. Ich weiß es nicht, ich gehe inzwischen woanders hin zum Haareschneiden.

Wie Ed Hardy aber mit Hunde…

Ich kaufe Klamotten ja sehr gerne im Second Hand Laden. Das ist ökologisch und nachhaltig und außerdem auch oft sehr günstig. Man muss nur die richtigen Läden kennen, zum Beispiel die, in der die Verkäuferinnen nicht so genau wissen, welche Marken für was stehen. Also es gibt da einen Laden, der zum Beispiel Ökoklamotten spottbillig verkauft, weil niemand dort genau weiß, wie teuer die im Neupreis sind. Natürlich verrate ich jetzt nicht, welcher Laden in Berlin in der Hinsicht eine Fundgrube ist. Der Laden, in dem ich heute war, zeichnet sich durch ein großes Sortiment an Trachtenmoden aus, wofür es in Berlin anscheinend besonders im Oktober einen großen Bedarf gibt. Außerdem haben sie Vintage-Klamotten aus den 60er und 70er Jahren, die ich zwar nicht anziehen würde, aber einfach gerne ansehe. Dann sind die Kunden auch sehr interessant, aber dazu ein anders Mal mehr. Heute war ich auf der Suche nach dicker Winterkleidung. Da fiel mir eine Wolljacke ins Auge. Sie war wirklich günstig. Neu hätte ich sie mir wahrscheinlich nicht gekauft, aber sie war wirklich sehr günstig. Mir gefiel – ich gebe zu, dass ich für so etwas empfänglich bin – das Etikett mit zwei süßen Hunden drauf. Ich hatte das Label auch schon mal irgendwo gesehen. Die Kassiererin nahm die Jacke, sah mich an und meinte zu meiner Überraschung: „Kennen’se die Marke?“ – „Die ist amerikanisch, oder?“, sagte ich auf gut Glück. Ich meine, zu den Hunden und dem Markennamen gesellte sich auch die Ortsangabe: New York. Selbst wenn die Jacke in China hergestellt wird, ist sie damit irgendwie amerikanisch. „Genau“, sagte die Kassiererin. „Ditt is amerikanisch. So wie Ed Hardy nur mit Hunde ebent.“ – Das brachte mich echt ins Grübeln. Ed Hardy ist Ed Hardy, was hatte das nun mit dieser Jacke, die nicht im Entferntesten nach Ed Hardy aussieht (worauf ich Wert lege…) zu tun? „Na, ich hoffe, die ist nicht aus Hundehaaren oder wieso meinen Sie mit Hunde?“, fragte ich. Das sollte ein kleiner Scherz sein. Mitleidig sah sie mich an: „Natürlisch nisch. Ditt sind die Hund da druff. Wie die Totenköpfe bei Ed Hardy.“ – Na. Dann war ja alles klar. Irgendwie hat mir das die Jacke dann etwas verleidet. Wie Ed Hardy aber mit Hunden – dieses Urteil klebt jetzt an der Jacke wie Kaugummi. Was blöd ist, weil man bei dem Second Hand Laden nichts mehr umtauschen kann. Wie gesagt, bei dem guten Preis für die gute Qualität, ist es auch nicht schlimm, wenn sie im Schrank hängt. Aber ich werde mich an die Hunde schon noch gewöhnen….

Die Dackel-Golden Retriever-Labrador-Mischung

Meine Tochter hätte gerne einen Hund. Ich kann das verstehen, obwohl ich eher schlechte Kindheitserinnerungen an die Dackelhündin meiner Schwester habe. Susi zerbiss meine Barbiepuppen und gehorchte – wenn überhaupt – nur meiner Schwester. Susi mochte mich nicht und ich traute Susi nicht über den Weg. Dabei hatte mir mein Vater sogar das definitive Mittel, um sich einen Hund treu und ergeben zu machen, verraten: man muss dem Hund ins Maul spucken. Quasi eine Art „Impfung“, die den Hund dann auf den Spuckenden fixiert. Obwohl ich als Kind diesen Trick bei vielen Hunden ausprobiert habe, zeigte es sich, dass  a) dieser Trick nie funktionierte und b) mein Vater aber einer genetischen DNA-Marker-Geschichte vielleicht damals schon auf der Spur war… Vor kurzem habe ich jedenfalls einen herzallerliebsten, alten Dackel hier in Mandarinendorf kennen gelernt, der treuherzig sein ebenfalls schon altes Frauchen durchs Leben begleitet. Natürlich habe ich diesem Dackel nicht in den Mund gespuckt, um ihn bloß nicht auf mich zu fixieren. Irgendwie kam es andersherum: ich war plötzlich auf den Dackel fixiert. Leider bin ich mit meiner neuerwachten Begeisterung für Dackel innerhalb der Familie nicht auf Resonanz gestoßen. Meine Tochter plädiert für einen Golden Retriever und mein Mann favorisiert Labradore. Mein Vorschlag, dann einen Dackel-Golden Retriever-Labrador-Mischling als Kompromiss aus Griechenland zu organisieren, stieß leider nicht auf Gegenliebe. Unsere Katzen werden also die Königinnen ihres Reviers bleiben…