Unter Reimzwang

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Viel schöner als gereimte Worte

ist oft auch eine Herrentorte

aus Schokolade weich und pfundig

getränkt mit Cognac süß und sündig.

 

Rahmig und sahnig zerläuft sie im Mund

fließt ohne Schmerz hinab den Schlund

Doch weh, o weh, bald folgt die Wende:

Zucker, Sahne, Butter – ohne Ende!!

 

Dem Magen wird es übel bekommen!

Hättest du doch den Hefezopf genommen!

Nun werden deine Hüften voluminös!

So erpresst mich mein Gewissen ganz bös.

 

Die Herrentorte ist längst schon verschwunden,

doch dank ihr hab ich manchen Reim gefunden,

obwohl ich da Reimen vermeiden wollte

und zwar aus rein spätpubertärer Revolte!

 

Wahrscheinlich lag’s am Alkohol der Torte

Zählen betrunken gereimte Worte?

Cognac steckte überhaupt nicht drin.

Nächstens probiere ich es mal mit Gin.

 

Ach, hätt’ ich nur die Herrentorte verschmäht,

der Wind hätte dieses Gedicht verweht.

Hätt’ ich vom Reimen bloß die Finger gelassen,

müsste ich jetzt die Herrentorte nicht hassen!

 

Nehmt weg mir den Stift ohne Klagen!

Sollte ich es jemals wieder wagen

Zu klimpern diese kitschige Klaviatur.

Glaubt mir: Reimen ist gegen meine Natur!

 

Isolde Peter

 

(Auch wieder ein Fundstück aus meinem Lyrik-Portfolio. Aufgabe war, ein gereimtes Gedicht zu schreiben. Das löste in mir erst einmal Widerwillen aus. Seit sich der Knoten gelöst hat, reime ich aber sehr, sehr gerne.)

 

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Die Schönheitskönigin

schönheitskönigin

Die Schönheitskönigin

Sie ist süße neunzehn Jahr

perfekte Zähne, goldenes Haar

Haut so weiß wie Schnee

Augen so grün wie Klee

der Körper in einem Kleid aus Seide

als Schmuck glitzerndes Geschmeide

am Hals der so lang ist wie der vom Schwan

Ist sie nicht schön? guckt sie nur an!

 

Sie ist im Wettbewerb der Schönen die Auserwählte

bestand tapfer viele Fragen, mit denen man sie quälte

sie trug ihre Formen im Badeanzug zur Schau

man musterte sie gnadenlos und ganz genau

so wurde der Neid der nicht so Schönen geschürt

aber sie wurde zur Schönheitskönigin gekürt.

 

 

Manchmal entstehen kreativ geschriebene Gedichte wirklich sehr spontan. Es war ein Nachmittag im Park und die Aufgabe war, einen Text über einen Beruf zu schreiben, den ich ergreifen würde, wenn ich noch fünf andere Leben führen könnte. Ich wählte u. a. Primaballerina, Opernsängerin, männlicher Gynäkologie, Model und eben Schönheitskönigin. Alles Berufe, für die ich denkbar ungeeignet oder zu spät dran bin. Also was tun? Ein Gedicht über wenigstens einen der Berufe schreiben. Reimen. Das geht immer.

Die Tür

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Die Tür

 

Ich kannte mal eine Tür

im Winter quietschte sie wie ein Tier

sie war eine wunderschöne Altbautür

jetzt leb ich lange schon ohne ihr

 

Sie quietschte wie ein Karnickel, das man quälte

weil Berliner Altbau und im Winter diese Kälte

die Luft so eisig, dass ich vor Husten bellte

bevor die Klingel an der Wohnung schellte

 

Im Kaninchenfellmantel trat ich endlich ein

die Tür fiel zu, ich fühlte mich klein

schnell schaltete ich das Radio ein

Mutter kochte Klopse mit Eisbein

 

Ich kannte mal eine Tür

sie quietschte wie ein Tier

ich bellte, bevor ich schellte

und immer war da Eisbein, das mich quälte

 

 

Isolde Peter

Cut up-Gedicht: Suche

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Suche

Seine Hühneraugenblicke schmerzen. Immer sieht er einen

Fettnapf, der keiner ist und macht

ein großes Beziehungsdrama daraus. Er

fragt sich: „Wer ist diese Frau?“

Das regt sie auf. Doch: Sie ist leider gegen Gewalt.

Er denkt in diesem Moment: „Sind Gedanken strafbar?“

Beide wissen: Niemand kann alles sein.

Das wäre so absurd wie die Frage:

„Ist 0,99999999999999999999999999999 … gleich 1?“

Ist es eben nicht. Er weiß: Marsmädchen sagen tausendmal ‚Nein‘ –

trotz ihrer zarten Schneewittchen-Haut.

Sie sagt: „Früher war ich ‚Ein ganz normales kleines Mädchen‘ und

du warst der treueste Fan, den ich mir wünschen konnte.“

Ich stehe vor dem Spiegel und verspüre Unruhe.

Auf die Plätze – fertig los!

 

 

Winter in Berlin

 

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Winter in Berlin

 

eisiger Wind bläst vom Ural

peitscht Wunden ins Gesicht

und macht die Stadt weiß und kahl

 

das Trottoir ist glatt gefroren

ihr hochsensibles Gleichgewicht haben

viele sofort verloren

 

beim Balancieren auf dünnem Eis

die flachen Dächer glitzern und

glänzen puderzuckerweiß

 

 

 

Kaffeetrinken in Mitte

Kaffeetrinken in Mitte

Fünf Latte
für die Männer
vom Start Up
schreit der Dicke

Fünf dicke Latte
schreit die Barista
mit der blonden
Perücke

Fünf Latte
im Becher
die Milch geschäumt
nicht geschüttelt
am Kapitalismus
wird hier ganz bestimmt
nicht gerüttelt

 

 

Verrücktes Berlin

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Ich sehe in die Menschenmenge

Sie sind mir alle so unglaublich fremd

Ich schlängle mich aus der Enge

Und bemerke, wie sie mich mustern

Liegt es etwa an meinem Kleid?

 

Nein! Das kann es nicht sein

Die Menschen in Berlin sind alle verrückt!

Da falle ich doch nicht auf

Sie sind doch alle bunt, groß, klein

Oder – wie ich – mit Blumen geschmückt

 

Ich bemerke, dass sie nicht mich anschauen

Sie schauen ein bettelndes Kind an

Ich hoffe, es wurde nicht verhauen

So ist es in Berlin!

Es gibt gute und schlechte Seiten

Und sehr viele Schwierigkeiten

 

(von Mila Lausch)

Zirkuskind

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Papa war ein rollender Stein
Mama: eine Königin
Sie: Seiltänzerin

Wenn sie auf dem Seil steht
sieht sie nur noch Münder
Vor dem Herabfallen
hat sie keine Angst
nur vor den Gesichtern

Der Clown lacht
wenn sie oben steht
und er unten
Blutunterlaufene Clownsaugen
bröckelnde Schminke
ein roter Mund
gelbe Zähne
Sie kann ihren Eltern nie sagen,
dass ihr Atem stockt
dass sie weglaufen will
vor diesen Augen
Die Raubtierzähne werden sie fressen.
und sie soll auf dem Seil tanzen!

Vor dem Löwen hat sie keine Angst
nur vor den gelben Zähnen

Sie atmet Sägespäne
kleine Pfeile in der Lunge
manchmal weint sie
vor Schmerz

Papa kann sie nicht hören.
Mama: wollte es nicht wissen.
Sie: Lebenskünstlerin

schwebend über dem Abgrund

(Kleine Bemerkung: Das Gedicht stammt noch aus dem Studium im Biografischen und Kreativen Schreiben; habe es vorkurzem wieder entdeckt. Es entsprang aus einer Übung, in der ich von einer Partnerstudierenden einen Ort und eine emotionale Verfassung genannt bekam. Bei mir war das „Zirkus“ als Ort. Und als emotionale Verfassung war es, glaube ich, Unbehagen.)

Spätkauf

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im spätkauf goethe

verkaufen sie shakespeare

ich schätze mal

auch starken tobak

vielleicht milch

unter cellophan

 

ich kauf dort nicht ein

ich geh nur

ab und zu

vorbei

und denke darüber

nach ob ich

auch einen

spätkauf aufmache

 

spätkauf tristan

nenne ich ihn

vielleicht

 

dort gibt es besonders

triste bücher

die tränen meiner

käuferinnen

sammle ich in tönernen

gefäßen

sie werden zu perlen

die ich verkaufe

und dann

werde ich reich

 

und

irgendwann

mache ich dann

den spätkauf

schiller auf

 

dort gibt es

nur

schillerlocken

und

schrille glocken

die läuten

wenn jemand

die tür aufmacht

 

um das schrille

läuten der

schillerglocken

zu vermeiden

lasse ich die tür

meines spätkaufs

geschlossen

 

das beste ist:

ich habe dann

immer

meine ruh