The Börghain

Am S-Bahnhof außerhalb des S-Bahn-Ringes. Rundherum Lauben und viel Grün.

Die Trägerin einer riesigen Sonnenbrille kommt auf mich zu.

„Excuse me! Excuse me! Which way to the Börghain?“

„This way! Go to Friedrichstraße and then change to Alexanderplatz or Jannowitzbrücke.“

Hoffentlich nimmt sie den Zug in die Innenstadt und nicht den nach Teltow oder Lichtenrade. Sonst kriegt sie einen Schock.

 

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Explosives Berlin

Im Bus.

Gegenüber eine Frau, rosa Sandalen mit Korkabsatz trägt sie, mindestens 8 cm hoch. Sonnenbrille, die von Ferne nach Prada aussieht, vom Nahen ist es aber nur Fossil. Rotblond gefärbte Locken, zaundürr, vielleicht schon siebzig oder achtzig, aber gut gehalten. Raue Stimme, die man nur nach intensiver Inhalation mindestens einer Schachtel pro Tag bekommt.

Vor mir eine Frau, schätzungsweise selbes Alter wie die Rotblonde, aber eher von der Fraktion „Als Seniorin trage ich nur noch beige.“

Das Handy der rotblondgefärbten Dame klingelte und sie geht natürlich ran.

„Ja, wa, ick sitz hier im Bus. Ja, ja, mit dem ha’ick geredet, der wollte mir Hausverbot geben. Wieso denn Hausverbot, sa’ick, watt solln ditte? Sagt der, na weil’de imma so aggressiv bist, sa’ick watt heißt hia aggressiv, du weeßt ja jar nich watt aggressiv is bei mir, wenn ick aggressiv bin dann explodiert Berlin. Na, da war der ruhig. Ick bin schließlich Kampfsportlerin, ick hab n’schwarzen Jürtel, ha’ick. Fünf Minuten und ein Schlag und der liegt auf dem Boden. Na, kannste dir ja vorstellen, wir ha’m uns jedenfalls jeeinigt.“

Die beide Frau dreht sich zu mir um.

„Dass man das alles mit anhören muss!“

Lebensweisheit

An der Bushaltestelle. Ein Rollstuhlfahrer. Auf der Rückseite des Rollstuhls klebt ein Schild: „Ich brauche keinen Sex. Mich fickt das Leben jeden Tag.“

Im Supermarkt an der Kasse. Der Kunde gibt sich besonders witzig.

„Welchen Euro wollnse, den Deutschen oder den Italjena. Is Ihnen ejal? Na, dann behalt‘ ick den Italjena. Den brauch ick vielleicht für den neuen Papst. Dann bin ick auf allet einjestellt…“

 

Disneyland Kreuzberg

Familie aus der Provinz und mit Dialekt. Vermutlich Schwäbisch.

Der Wortführer (Vater): „Wo geht es hier zu diesem Markt?“

Ich: „Ja, welchen Markt meinen Sie denn?“

(Denke: Hallesches Tor? Ein geheimer Markt, den ich nicht kenne? Das hier ist eine Großstadt, da gibt es nicht nur einen Markt.)

„Ja, da wo die Türken sin‘, wo soviel los ist, wo ma imma soviel hört!“

 

 

Auf dem Bücherstrich

Neulich hatte ich einen Albtraum. Ich sah mich, wie ich auf dem Bücherstrich für alternde intellektuelle Frauen einem alten Literaturkritiker hinterher lief, und flüsterte: “Pst, pst, hier ist mein Buch, es ist voll tiefgründig, aber auch humorvoll, es kommt sogar Sex drin vor und hey, zum Selbstkostenpreis, wie wär’s. Krieg ich ‘ne schöne Kritik?” Dann wachte ich auf und fand heraus, es gibt ja gar keinen Bücherstrich. Oder doch?

Geheimrezept für einen Bestseller

Leider wurde mein Erstling nicht der Bestseller, den ich erwartete. Jetzt habe ich eine neue Idee für ein Buch, das Erfolg haben könnte.

Es geht um eine junge Frau, sie ist gutaussehend, aber hat Probleme. Sie leidet zum Beispiel unter Hämorrhoiden, gleichaltrige Männer können sie deshalb nicht verstehen. Sie ist ein bisschen pervers. Sie steht auf ältere Männer, die auch Hämorrhoiden haben. Sie ist bereits mit einem alten Mann verheiratet, fängt aber ständig mit anderen alten Männern etwas an.

Ich gebe zu, mir schwebt eine Mischung aus „Liebesleben“ von Zeruya Shalev (wegen des literarischen Anspruches) und „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche (wegen des feministischen Anspruches) und 50 Shades of Grey (wegen Sex und wegen der Verkaufszahlen) vor.

Meine Zielgruppe sind Frauen aller Altersgruppen und alte Männer. Junge Männer lesen sowieso nicht.  Literaturkritiker sind in der Mehrzahl ältere Männer, ich gehe deshalb davon aus, dass ein Roman über eine junge Frau, die auf ältere Männer steht bei ihnen gut ankommt.

Ich habe praktisch schon ausgesorgt. Allerdings werde ich es unter einem Pseudonym veröffentlichen. Der Plot ist mir ein bisschen peinlich. Kayla Masuch werde ich mich nennen.

Das Hundescheiße-Spiel

In Neukölln ist man es gewohnt, ständig Hundescheiße auf dem Bürgersteig vorzufinden und reinzutreten. In Mandarinendorf gibt es kaum Hundescheiße, die meisten Besitzer entfernen die Geschäfte ihrer Hunde (Stichwort: soziale Kontrolle).

Kurz nach unserem Umzug erfand das Kind mit ihrer Freundin deshalb ein neues Spiel. Es heißt „Hundekacke am Schuh“ und geht so: man tut als ob man in Hundekacke getreten wäre. Erst schreit man ganz laut los „Ich bin in Hundekacke getreten!“ und im zweiten Schritt wischt man die virtuelle Hundekacke ab, indem man die Schuhe auf dem Boden schleift. Schließlich hüpft man hin und her, wirft die Beine hoch in die Luft und schreit „Ih, Hundekacke!“ und scharrt dann wieder mit den Schuhen auf dem Asphalt.

Kesser Feger!

Beim Discounter gab es Perücken.
Ich kaufte zwei Modelle: „Pocahontas“ (schwarze Haare mit Zöpfen) und „Kesser Feger“ (undefinierbarer dunkelblonder Haarschnitt).
Zuhause setzten meine kleine Tochter und ich die Perücken auf. Mit dem Modell „Kesser Feger“ sah ich auf einmal schrill und abgetakelt aus. Blond macht mich nämlich blass und lässt mich billig wirken. Meine Tochter setzte sich die „Pocahontas“-Perücke auf, sah süß aus und nannte sich Sophia Kara Melissa.
„Ich wohne in Mandarinendorf!“, sagte sie und fügte hinzu: „Und du wohnst in Neukölln!“