Deo ex Sprühdose

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Es war an einem der ersten Tage, an denen es in Berlin nach wochenlangem miesen Wetter, endlich einmal wärmer war. Es war ein Tag, an dem die Menschen dermaßen außer Häuschen über das traumhaft sonnige Wetter waren, dass sie sich sofort deutlich weniger bekleideten. Die S-Bahn, die bei Tageslicht fuhr ehe sie hinter dem Bahnhof Yorckstraße in den dunklen Schacht hinein glitt und Fahrgäste und Innenraum in kaltes Kunstlicht hüllte, ratterte fröhlich vor sich hin. In Friedenau stieg ein Pärchen zu, das sich noch weniger bekleidet gab als der Durchschnitt der Fahrgäste. Sie trugen Shorts und T-Shirts, die viel Haut frei ließen. Sie konnten es sich aber auch leisten, rein von der Körperästhetik her, was nicht heißen soll, dass andere Menschen es sich nicht leisten können. Leisten kann es sich jeder, aber es gut aussieht?

Bei dem Pärchen sah viel Haut mit kurzen Shorts und T-Shirt gut aus. Punkt. Dazu Sonnenbrillen (verspiegelt), Make up, hohe Schuhe, Reisegepäck und ein Schoßhündchen, das auf dem Arm getragen wurden. Kim Kardashian und Kanye West in der Berliner Touri-Version. Genau. Ich glaube, diese Beschreibung macht deutlich, was ich meine. Ein schönes Paar, ein Paar, das die S-Bahnfahrt weniger langweilig macht, weil es was zu gucken gibt.

Dann: Zwei Stationen weiter, die S-Bahn-Türen öffnen sich und der erste Stinker dieses Jahres stieg ein. Es charakterisiert den öffentlichen Nahverkehrs Berlins (sicher nicht nur den), dass das ganze Jahr über schlecht riechende Menschen in die Verkehrsmittel einsteigen und dort verkehren. Irgendwie scheinen dicke Anoraks oder Wintermäntel einen gewissen Isoliercharakter zu haben, der die Gerüche am kompletten Ausströmen hindert. Oder der Luftaustausch funktioniert schneller, wenn es im Waggon warm und außen kalt ist. Was weiß ich. Ich kann nur meine Beobachtungen mitteilen und wenn es wärmer wird, warte ich auf den ersten Stinker.

An besagtem Tag dieses Jahres war es soweit. Ein Mann stieg ein, den ich aus Personenschutzgründen nicht näher beschreiben werde. Es ist auch gar nicht so wichtig wie er aussah, weil sein Geruch das eigentliche Thema ist. Ein unsäglicher Geruch – kann ich nur sagen. Als ob sich Limburger Käse mit einer seit Jahren nicht geputzten Herrentoilette gepaart hätte und in die S-Bahn einsteigt. So ungefähr das Gegenteil von Kim Kardashian und Kanye West, die in der Touri-Version nach Opium von Yves Saint Laurent oder so einem Zeugs rochen.

Ich bin großstadt- und S-Bahnerfahren und glücklicherweise trug ich einen Schal. Der Mann (ja, es war ein Mann und die Stinkerquote bei Männern ist einfach am höchsten, da spreche ich aus Erfahrung) ging durch den Waggon und hinterließ diese Wolke aus Pech und Schwefel. Für einen kurzen Moment glaubt man ja in so einer Situation, es wäre eine Geruchshalluzination und könne nicht wahr sein. Aber dann wird einem plötzlich nur noch kotzübel und man denkt mit Schrecken wie groß die Abstände zwischen den S-Bahnhöfen sind.

Auf einmal wird klar, dass das Leben im Mittelalter rein geruchstechnisch furchtbar gewesen sein muss und es ist verständlich, dass sich die Adeligen mit Parfum besprühten. Stichwort Parfum: Ich hatte ja meinen Schal und als die Wolke immer dichter wurde, band ich mir diesen als Geruchsschutz um und atmete möglichst flach. Das schien auf die anderen Passagiere eine befreiende Wirkung zu haben, weil plötzlich einige hechelten, sich die Nase zuhielten oder sich Luft zufächelten (was in so einer Situation eher ungünstig ist!). Das Schoßhündchen von Touri-Kim reagierte nicht, Hunde sind ja an strengen Gerüchen eher interessiert. Wahrscheinlich dauerte es deshalb und wegen ihrer eigenen Hülle aus „Opium“ bis sie den Geruch wahrnahm. Dann hatte sie aber einen herzzerreißend angeekelten Gesichtsausdruck und wurde unter den Tonnen von Make up blass.

Kim griff in ihre gefakte Gucci-Tasche und holte ein rosa Deo-Spray heraus, stammelte mit – tatsächlich! – amerikanischem Akzent „Sorry“ und hüllte den Wagen in eine Wolke aus sehr billig riechendem Deo. Ich kann nicht sagen, was schlimmer war. Die Kombination aus Billig-Deo und Stinkergeruch ist so ziemlich das Schlimmste, was in der S-Bahn (oder U-Bahn) zu ertragen ist. Schon lange war ich nicht mehr so dankbar dafür, als der S-Bahnhof Anhalter Bahnhof in Sichtweite kam und ich dem Pest- und Deo-Odem des Waggons entfliehen konnte. Ich nahm mir vor, ab jetzt immer etwas dabei zu haben, um es Kim gleich zu tun und den Stinker-Geruch etwas entgegensetzen zu können.

Ich konnte mich aber nicht entscheiden, ob Kölnisch Wasser oder Lufterfrischerspray (Flieder oder Tanne?) das richtige Utensil wären. Ohne Schal fahr ich jedenfalls nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Da kann es heiß sein wie es will.

 

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Verrücktes Berlin

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Ich sehe in die Menschenmenge

Sie sind mir alle so unglaublich fremd

Ich schlängle mich aus der Enge

Und bemerke, wie sie mich mustern

Liegt es etwa an meinem Kleid?

 

Nein! Das kann es nicht sein

Die Menschen in Berlin sind alle verrückt!

Da falle ich doch nicht auf

Sie sind doch alle bunt, groß, klein

Oder – wie ich – mit Blumen geschmückt

 

Ich bemerke, dass sie nicht mich anschauen

Sie schauen ein bettelndes Kind an

Ich hoffe, es wurde nicht verhauen

So ist es in Berlin!

Es gibt gute und schlechte Seiten

Und sehr viele Schwierigkeiten

 

(von Mila Lausch)

Dadada

IMAG0673_1Das neue Jahr ist schon längst da und trägt die Ziffernfolge 2016. Im Jahr mit der Ziffernfolge 1916 wurde der Dadaismus begründet. Nicht dass ich das einfach so gewusst hätte. Neulich wurde es im Radio berichtet. Mir fällt bei Dadaismus immer die Karawane von Hugo Ball ein. Und das Lied Dadada aus den 80er Jahren. Das regte meinen Vater immer so wunderbar auf, dass so ein Lied in die Hitparade gelangen konnte. Mir gefiel es natürlich. Das Lied und die Dada-Bewegung haben wahrscheinlich nur gemeinsam, dass sie die Kunst vom Sinn befreit haben und ihr dadurch erst recht einen Sinn verleihen. Gestern habe ich jedenfalls in einer geselligen Schreibrunde mit einer dem Dadaismus (oder Herta Müller oder wem auch immer) entliehenen Kreativitätstechnik ein Gedicht entwickelt. Geschrieben kann ich ja nicht sagen, da es ausgeschnittene und geklebte Wörter sind. Es sind poetische und lustige Gedichte entstanden. Meins find ich … geheimnisvoll, so geheimnisvoll, dass ich auch immer noch rätsele, worin sein Inhalt besteht.

 

Gefragt sein in Berlin

 

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(Die Waisenstraße ist nicht in Mandarinendorf, die befindet sich im Bezirk Mitte)

 

In Mandarinendorf gibt es eher selten Touristen, die sich hierher verirren. Erlebnisse wie die mit der jungen Frau, die den Weg zum Börghain suchte, zeigen, dass es durchaus vorkommen kann, aber es ist doch selten. In Mandarinendorf sind es vor allem Einheimische, die vom Weg abgekommen sind. (Das schließe ich aus ihrem Berliner Akzent und der Tatsache, dass sie entweder vor oder hinter den S-Bahn-Brücken gelandet sind und nicht mehr weiter wissen.)

Ich bemühe mich  redlich meiner Aufgabe als gefragte Wegweiserin kompetent und verlässlich nachzukommen. Selten schicke ich jemanden falsch. Mich wundert allerdings das Misstrauen, das mir von Berlinern und Berlinerinnen  entgegenschlägt. (Die Touristen sind meistens derartig gutgläubig, dass es mir hinterher sehr Leid tut, wenn ich Ihnen doch einmal einen falschen Weg gewiesen habe.)

Die Berlinerinnen und Berliner, die in Mandarinendorf landen und nicht mehr weiter wissen, sind meistens misstrauisch. Zum Beispiel, wenn ich Ihnen Fragen stelle. Ich stelle diese Fragen ja aber nur, weil ich so oft gefragt werde, dass ich schon eine gewisse Routine habe. Eine wirklich häufig gestellte Frage von Menschen, die sich unter die S-Bahnbrücken in Mandarinendorf verirren und dann Orientierung suchen, ist: „Wissen Sie wo die R-Straße ist?“ Meine Gegenfrage lautet dann: „Wollen Sie zum Friedhof oder zur Schule?“

Das hat einen Grund. Die meisten wollen entweder zur Schule oder zum Friedhof und für den Friedhof müssen sie hinter den S-Bahnbögen rechts und zur Schule nach links. Das ist ja wohl ein großer Unterschied. Oder die Frage nach der B-Straße. Da frage ich vorab: „Wollen Sie ins Altersheim oder zu Ikea?“ Ikea ist nämlich ein ganzes Stück von Mandarinendorf entfernt, da lohnt es sich, zurück zum S-Bahnhof zu gehen und noch einmal mit der S-Bahn zu fahren. Das Altersheim dagegen liegt am Anfang der B-Straße und ist dadurch fußläufig zu erreichen. Ich frage solche Fragen doch nicht aus Spaß oder weil ich ein chronisch neugieriger Mensch bin.

Dann ist da die Sache mit der Ungläubigkeit. Auf die Frage, wo denn die Lokhalle sei, kann ich guten Gewissens antworten, dass sie sich auf dem Südgelände befindet. Ich kenne das Problem. Die meisten, die mich fragen, haben den Eingang am S-Bahnhof verpasst, ihn einfach nicht gesehen, obwohl er ziemlich deutlich gekennzeichnet ist. Dann gehen sie weiter, unter die S-Bahn-Brücken und sehen dort auch den zweiten Eingang nicht, der ebenfalls klar gekennzeichnet ist. Gut, es dämmert im Herbst und Winter schon früh. Oft wird mir die Frage nach der Lokhalle deshalb auch in der dunklen Jahreszeit gestellt, wenn die Leute den Adventsmarkt in der Lokhalle suchen.

Wenn ich dann – routiniert – sage: „Die Lokhalle? Da müssen Sie zurück zum Südgelände?“, dann kriege ich oft ein pampiges „Sind Se sicher?“ zu hören. Na klar, ich wohne hier. Warum würde ich es sonst wagen, irgendjemanden den Weg zu weisen. „Ja, die Lokhalle ist im Südgelände. Gehen Sie entweder durch den Eingang unter den S-Bahn-Brücken, da müssen Sie dann eine Treppe hoch und immer gerade aus und dann dürften Sie es schon sehen. Oder, wenn Ihnen das zu unheimlich ist, gehen Sie ganz zum S-Bahnhof zurück und nehmen den Eingang dort“, sage ich freundlich. Aber es nützt nicht viel.

„Den Eingang haben wir ja nicht gesehen!“
Das ist ja eigentlich nicht mein Problem.
„Der ist aber dort. Gucken Sie doch einfach mal. Es gibt auch ein Schild.“

Ich erinnere mich an eine besonders hartnäckige Gruppe Berliner, die nur widerwillig in die von mir gewiesene Richtung gingen. Für einen Moment bereute ich es fast, Ihnen nicht den Weg zu Ikea erklärt zu haben oder zum Friedhof. Da hätten sie dann ihr tiefes Misstrauen endlich bestätigt gesehen.

Wieviel einfacher sind solche typisch touristischen Fragen wie „Wo finde ich denn hier Curry 36“ oder „Mustafas Gemüsedöner soll hier in der Nähe“ sein.

Routiniert kann ich da nur sagen: „Sehen Sie die lange Schlange? Reihen Sie sich einfach ein.“

 

Zirkuskind

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Papa war ein rollender Stein
Mama: eine Königin
Sie: Seiltänzerin

Wenn sie auf dem Seil steht
sieht sie nur noch Münder
Vor dem Herabfallen
hat sie keine Angst
nur vor den Gesichtern

Der Clown lacht
wenn sie oben steht
und er unten
Blutunterlaufene Clownsaugen
bröckelnde Schminke
ein roter Mund
gelbe Zähne
Sie kann ihren Eltern nie sagen,
dass ihr Atem stockt
dass sie weglaufen will
vor diesen Augen
Die Raubtierzähne werden sie fressen.
und sie soll auf dem Seil tanzen!

Vor dem Löwen hat sie keine Angst
nur vor den gelben Zähnen

Sie atmet Sägespäne
kleine Pfeile in der Lunge
manchmal weint sie
vor Schmerz

Papa kann sie nicht hören.
Mama: wollte es nicht wissen.
Sie: Lebenskünstlerin

schwebend über dem Abgrund

(Kleine Bemerkung: Das Gedicht stammt noch aus dem Studium im Biografischen und Kreativen Schreiben; habe es vorkurzem wieder entdeckt. Es entsprang aus einer Übung, in der ich von einer Partnerstudierenden einen Ort und eine emotionale Verfassung genannt bekam. Bei mir war das „Zirkus“ als Ort. Und als emotionale Verfassung war es, glaube ich, Unbehagen.)

Am Schlachtensee

schlachtensee

Kürzlich habe ich überlegt, welche Orte die ersten waren, die ich in Berlin kennenlernte. Im Sommer 1989 fuhr ich per Mitfahrgelegenheit in die Großstadt und stieg am Theodor-Heuss-Platz aus dem Auto. Ich war mir nicht sicher, wo ich übernachten würde, denn ich hatte nur einen lockeren Kontakt zu jemanden, der ein Zimmer vermietete. Zuerst fuhr ich mit der U-Bahn zum Zoologischen Garten, dann mit der S-Bahn weiter Richtung Wannsee. Am S-Bahnhof Wannsee überlegte ich, ob ich dort einfach im Freien übernachten sollte. Mit einer Freundin hatte ich schon einmal in München im Englischen Garten genächtigt. Einen Schlafsack hatte ich dabei. Den Gedanken verwarf ich, als es dunkel wurde. Ich rief – von einer Telefonzelle – den Typen an, der mit das Zimmer angeboten hatte. Er sagte, er wohne im Wedding. Ich fragte, ob ich bis zum U-Bahnhof Wedding fahren müsste, aber er wohnte viel weiter nördlich im Afrikanischen Viertel. Der Typ bot mir noch an, sich vorher mit mir zu treffen, damit ich mich überzeugen könne, dass er nicht pervers oder verrückt sei. Ich war mutig genug, einfach in den Wedding zu fahren. Der Typ war schwul und arbeitete als Kellner. Er war nett. Ich wohnte drei Wochen bei ihm. Es war Sommer und ich vermisste ziemlich schnell die Natur in der Großstadt. Ich genoss die Anonymität der Großstadt, aber ich vermisste das Baden im See. Wie ich auf die Idee kam, zum Schlachtensee zu fahren, weiß ich nicht mehr. Den Wannsee kannte ich ja schon von meinem allerersten Tag in Berlin. Vielleicht erzählte mir der Typ, der mir das Zimmer vermietete vom Schlachtensee. Ich weiß es nicht mehr. Mir gefiel der Schlachtensee. Bis heute ist es mein Lieblingssee in Berlin. Leider nicht nur meiner.

Spätkauf

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im spätkauf goethe

verkaufen sie shakespeare

ich schätze mal

auch starken tobak

vielleicht milch

unter cellophan

 

ich kauf dort nicht ein

ich geh nur

ab und zu

vorbei

und denke darüber

nach ob ich

auch einen

spätkauf aufmache

 

spätkauf tristan

nenne ich ihn

vielleicht

 

dort gibt es besonders

triste bücher

die tränen meiner

käuferinnen

sammle ich in tönernen

gefäßen

sie werden zu perlen

die ich verkaufe

und dann

werde ich reich

 

und

irgendwann

mache ich dann

den spätkauf

schiller auf

 

dort gibt es

nur

schillerlocken

und

schrille glocken

die läuten

wenn jemand

die tür aufmacht

 

um das schrille

läuten der

schillerglocken

zu vermeiden

lasse ich die tür

meines spätkaufs

geschlossen

 

das beste ist:

ich habe dann

immer

meine ruh

 

Frisurgeschichten

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In meiner Jugend gab es in dem Ort, in dem wir wohnten, nur einen Frisörsalon. Die Frisösen trugen pastellfarbene Nylonkittel und der Chef war ein Mann. Die gesamte Einrichtung dieses Salons könnte man heutzutage in einen Laden in Neukölln stellen und dort dann wahlweise eine Raucherkneipe, einen Frisörladen oder ein shabby chic Café eröffnen.

In meiner Jugend in der Kleinstadt konnte niemand mit meinen Haaren umgehen. Die Frisösen waren eher auf die Wünsche von älteren Frauen eingestellt. Dauerwelle oder Fönfrisur. Ich habe Naturlocken. Der Chef hat mir einmal die Haare auf große Lockenwickler gedreht, dann kam ich unter die Trockenhaube. Hinterher hatte ich irgendwie keine Locken mehr. Ich weinte oft wegen solcher Frisörerlebnisse. Einmal gab es dort eine angestellte Frisörin, die sich über meine Naturlocken freute. Sie schnitt mir die Haare ganz kurz. Ich hatte viele kleine Kringellöckchen. Das sah lustig aus. Die Frisöse blieb aber nicht lange in dem Frisörsalon tätig.

Später schnitt ich mir die Haare nur noch selbst. Zum Glück war ich als Jugendliche ziemlich öko und feministisch. Zu dieser Mode passte der Side cut, den ich mir selbst verpasste und von dem ich damals ja noch nicht wusste, dass man ihn so nennt. Ich färbte mir die Haare mit Hennapulver. Bei meinen dunklen Locken ergab das einen Mahagoniton. Ich fand, Schnitt und Farbe standen mir gut. Mein Vater behauptete, die Schuhe, die ich trug, ähnelten den Spangenschuhen von katholischen Mönchen. Er lachte darüber und auch über meine Vorliebe für Latzhosen, Plüschjacken und indischen Hemden. Meine Mutter weigerte sich gelegentlich, mit mir auf der Straße gesehen zu werden. Einen größeren modischen Erfolg kann man als Kleinstadtjugendliche eigentlich kaum erzielen.

Als ich 1989 nach Berlin zog, stellte ich fest, dass Birkenstockschuhe und bunte Kleidung hier nicht funktionierten. In einer Disco rief mir jemand „Hey, da ist ja eine vom Bhagwan“ nach. Ich trug eine bunt gemusterte grüne Hose und ein Stirnband aus gebatikter Seide. Irgendwie blieb der Satz an mir hängen und ich trug von da an keine Birkenstocksandalen mehr, wenn ich ausging. Meine Haare schnitt ich aber immer noch selbst.

Erst Jahrzehnte später, hatte ich die ewig schlecht geschnittenen halb langen Locken satt und ging zu einem türkischen Friseursalon in Kreuzberg. Ich sagte zu der Friseurin, dass ich eine natürliche Frisur wollte. Es sollte nicht nach Dauerwelle aussehen. Als sie mit dem Schnitt fertig war und meine Haare geföhnt hatte, sah ich, dass meine Haare aussahen, als ob ich eine Dauerwelle hatte. Meine Frisur ähnelte der Frisur der Frisörin. Ich hatte nur keine blonden Strähnchen. Fast hätte ich geweint wie früher in meiner Jugend in der Kleinstadt. Ich trug eine Mütze, als ich nach Hause ging.

Irgendwann entdeckte ich in Neukölln einen Salon, der „Zur flotten Locke“ hieß. Die Frisörin war jung, schnitt mir die Locken ganz einfach so wie ich es ihr gesagt hatte. Sie nahm zehn Euro für den Schnitt, aber ich gab ihr fünfzehn Euro. Ich hatte das Gefühl, dass sie selbst für Neukölln zu billig war. Leider stimmte meine Einschätzung. Irgendwann, nach einem Jahr, war der Laden von heute auf morgen weg. Als nächstes zog ein arabischer Kulturverein in den Laden. Inzwischen hat dort bestimmt ein shabby chic Café oder eine Raucherlounge aufgemacht. Ich weiß es nicht, ich gehe inzwischen woanders hin zum Haareschneiden.

Sicherheitsabstand

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In Berlin gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Belehren oder Belehrtwerden.

Eine dunkle Ecke im S-Bahnhof. Ein Geldautomat. Kein schöner Ort, weil nach Urin riechend, aber günstig auf dem Nachhauseweg gelegen. Normalerweise ist in dieser Ecke nie jemand. Vorgestern, gerade als ich Geld abheben wollte, stand eine Frau dort. Sie suchte umständlich in ihrem dicken Portemonnaie herum. Offensichtlich fand sie ihre Scheckkarte nicht. Als ich noch überlegte, ob ich ihr helfen sollte, quetschte sich so ein jungscher Typ vor diese Frau und fragte, ob er mal eben Geld abheben könnte. Zu meinem Entsetzen sagte sie – ja. Das war schon mal die erste Geduldsprobe. Nachdem die Scheckkarte gefunden war, dauerte der Abhebevorgang dieser Frau natürlich auch nochmals seine Zeit. Zeit, in der ich einer alten Frau mit Rollator den richtigen Weg weisen konnte, und außerdem von einem Mann darauf hingewiesen wurde, dass es einen anderen Automaten im S-Bahnhof gebe. Vielleicht war die Frau, die in Schneckentempo den Geldautomaten bediente, eine stadtbekannte Zeitlupenabheberin und der Mann meinte es nur gut. Die Info taugte allerdings nicht viel. Der Automat, den er meinte, war nicht von meiner Bank. Ich wollte keine 5 Euro nur für’s Abheben bezahlen.

Ich stand dann ca. einen Meter hinter der Frau und – obwohl ich kurzsichtig bin – erkannte ich die übliche Höflichkeitsfloskel des Automaten, die nach dem Abhebevorgang auftaucht: „Vielen Dank und bis zum nächsten Mal!“ (oder so ähnlich). Ich sah sogar die Höflichkeitsfloskel, die danach für den nächsten Kunden auftaucht: „Guten Tag! Bitte schieben Sie Ihre Karte hinein!“ (oder so ähnlich). Die Frau vor mir schob ihre Karte genauso umständlich, wie sie sie gesucht hatte, wieder in das dicke Portemonnaie zurück. Und da riss mir dann doch der Geduldsfaden.

Ich sagte:

„Ähm, könnte ich vielleicht jetzt doch mal an den Automaten ran?“

Zögern. Warten.

Die Frau dreht sich gaaaaanz langsam um. Ihr Blick wirkt, was mir bereits am Anfang des ganzen Vorganges schon auffiel, leicht sediert.

„Also ick bin noch nich fertig. Ditt macht man och nich, dass man so nah aufrückt, man hat einen Sicherheitsabstand einzuhalten, ditt sollten Sie wissen. Ditt isso.“

Okay. Ruhig. Einmal durchatmen.

„Man sollte vielleicht auch nicht Stunden brauchen, um Geld abzuheben“, sagte ich pampig.

Hätte vielleicht zweimal durchatmen sollen.

Aber diese zwei Worte gehen runter wie Öl. Das tut echt gut, dieser Dame mal zu sagen, was man eigentlich tun sollte. Man sollte nicht einen solchen jungschen Typen vorlassen, während hinter einem eine nette, geduldige Frau wartet, die die Wartezeit nutzt, um einer alten Frau mit Rollator zu helfen und unaufgeforderte Information abzuwehren, einer Frau, die geduldig wartet, sich all der Achtsamkeitsübungen zu erinnern versucht, die sie je gelernt hat, so von wegen „Nutze die Wartezeit und bleibe ganz im Hier und Jetzt, das Warten tut dir gut, du fühlst dich schon ganz ruhig und entspannt.“ Man sollte so eine Frau nicht unnötig warten lassen, wenn sie Geld braucht.

„Nein! Man hat einen Sicherheitsabstand einzuhalten hinter dem Geldautomaten“, sagt die olle Schrulle.

Ich hätte dreimal durchatmen sollen.

„Ja, ja. Man hat sich auch zu beeilen, wenn hinter einem eine Schlange wartet.“

Das war jetzt echt übertrieben. Eine Person, also ich, ist ja noch keine Schlange.  Aber ich kann dann eben auch zur Schlange werden. In so einer Situation. Eine ganz gefährliche Schlange, die einer ollen Schlange hinterher schreit.

„Ja, ja, man sollte, man sollte sich mal beeilen, wenn man am Geldautomaten steht.“

Da zog sie von dannen.

Und ich habe es begriffen: Es lohnt sich in Berlin überhaupt nicht, geduldig zu sein. Im Gegenteil: frühzeitig Druck erzeugen ist wichtig. Die richtige Verhaltensweise wäre gewesen, ihr von Anfang Sätze in den Rücken zu schleudern wie:

„Nun mal schneller, andere Leute wollen auch mal Geld haben.“

„Ick will hia nich einschlafen!“

„Sie sind wohl von der gaaanz langsamen Truppe.“

Ungeduldig mit den Füßen scharren. Schuldgefühle erzeugen. Auf die Unfähigkeit hinweisen.

„Wo haben Sie denn Geldabheben gelernt?“
„Heben Sie sich Ihr Schneckentempo für’s Mikadospielen auf!“
„Das ist ein Geldautomat und kein Fernseher.“

Na, ich feile noch an meinen Formulierungen.

Hatte ja keine Berliner Mutter, also fehlt mir der Berliner Mutterwitz.

Auf jeden Fall: Diese Worte „man sollte“, das werde ich mir merken.

In Zukunft werde ich andere belehren, bevor sie mich belehren.

Aber hallo.