Explosives Berlin

Im Bus.

Gegenüber eine Frau, rosa Sandalen mit Korkabsatz trägt sie, mindestens 8 cm hoch. Sonnenbrille, die von Ferne nach Prada aussieht, vom Nahen ist es aber nur Fossil. Rotblond gefärbte Locken, zaundürr, vielleicht schon siebzig oder achtzig, aber gut gehalten. Raue Stimme, die man nur nach intensiver Inhalation mindestens einer Schachtel pro Tag bekommt.

Vor mir eine Frau, schätzungsweise selbes Alter wie die Rotblonde, aber eher von der Fraktion „Als Seniorin trage ich nur noch beige.“

Das Handy der rotblondgefärbten Dame klingelte und sie geht natürlich ran.

„Ja, wa, ick sitz hier im Bus. Ja, ja, mit dem ha’ick geredet, der wollte mir Hausverbot geben. Wieso denn Hausverbot, sa’ick, watt solln ditte? Sagt der, na weil’de imma so aggressiv bist, sa’ick watt heißt hia aggressiv, du weeßt ja jar nich watt aggressiv is bei mir, wenn ick aggressiv bin dann explodiert Berlin. Na, da war der ruhig. Ick bin schließlich Kampfsportlerin, ick hab n’schwarzen Jürtel, ha’ick. Fünf Minuten und ein Schlag und der liegt auf dem Boden. Na, kannste dir ja vorstellen, wir ha’m uns jedenfalls jeeinigt.“

Die beide Frau dreht sich zu mir um.

„Dass man das alles mit anhören muss!“

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Lebensweisheit

An der Bushaltestelle. Ein Rollstuhlfahrer. Auf der Rückseite des Rollstuhls klebt ein Schild: „Ich brauche keinen Sex. Mich fickt das Leben jeden Tag.“

Im Supermarkt an der Kasse. Der Kunde gibt sich besonders witzig.

„Welchen Euro wollnse, den Deutschen oder den Italjena. Is Ihnen ejal? Na, dann behalt‘ ick den Italjena. Den brauch ick vielleicht für den neuen Papst. Dann bin ick auf allet einjestellt…“

 

Second Händ

Im Second Hand Laden.

Die Verkäuferin: „Kennen’se die Marke?“

Ich: „Die ist amerikanisch, oder?“

Verkäuferin: „Jenau. Ditt is amerikanisch. So wie Ed Hardy nur mit Hunde ebent.“

Ich (als Scherz und mich doof stellend): „Na, ich hoffe, die ist nicht aus Hundehaaren oder wieso meinen Sie mit Hunde?“

Verkäuferin: „Natürlisch nisch. Ditt sind die Hund da druff. Wie die Totenköpfe bei Ed Hardy.“

Allet klar. Sie hält mich für doof.

Ode an Neukölln

Hier mal eine kleine Nebenerscheinung des Studiums an der Alice-Salomon-Hochschule, Modul Lyrik, Aufgabe: Eine Ode schreiben. Da konnte ich doch meiner Hassliebe auf Neukölln freien Lauf lassen, das Resultat ist ja wohl eher eine Hymne geworden. Wohin enttäuschte Liebe führt…

 

Ode an Neukölln

Dein graues Häusermeer aus alten Lumpen, oh Neukölln!

Reißen sie dir dein altes Gewand vom Leib,

kommen darunter Samt und Seide zum Vorschein.

Du Königin aller Berliner Bezirke!

Deine Augen, umkränzt von Schleiern,

leuchten in der Nacht.

Dein Himmel trägt Wolken aus Vanilleschaum

und deine Luft brennt auf der Haut wie Chili.

Viele wollen dich freien, werben um deine Gunst,

doch du Schöne, du Spröde, suchst dir aus,

welcher Rollkoffer in dein Herz darf!

Und nur wer in dein Herz schaut weiß,

dass auf deinem Dach am Hermannplatz

die Götter wohnen.

Disneyland Kreuzberg

Familie aus der Provinz und mit Dialekt. Vermutlich Schwäbisch.

Der Wortführer (Vater): „Wo geht es hier zu diesem Markt?“

Ich: „Ja, welchen Markt meinen Sie denn?“

(Denke: Hallesches Tor? Ein geheimer Markt, den ich nicht kenne? Das hier ist eine Großstadt, da gibt es nicht nur einen Markt.)

„Ja, da wo die Türken sin‘, wo soviel los ist, wo ma imma soviel hört!“

 

 

Auf dem Bücherstrich

Neulich hatte ich einen Albtraum. Ich sah mich, wie ich auf dem Bücherstrich für alternde intellektuelle Frauen einem alten Literaturkritiker hinterher lief, und flüsterte: “Pst, pst, hier ist mein Buch, es ist voll tiefgründig, aber auch humorvoll, es kommt sogar Sex drin vor und hey, zum Selbstkostenpreis, wie wär’s. Krieg ich ‘ne schöne Kritik?” Dann wachte ich auf und fand heraus, es gibt ja gar keinen Bücherstrich. Oder doch?

Geheimrezept für einen Bestseller

Leider wurde mein Erstling nicht der Bestseller, den ich erwartete. Jetzt habe ich eine neue Idee für ein Buch, das Erfolg haben könnte.

Es geht um eine junge Frau, sie ist gutaussehend, aber hat Probleme. Sie leidet zum Beispiel unter Hämorrhoiden, gleichaltrige Männer können sie deshalb nicht verstehen. Sie ist ein bisschen pervers. Sie steht auf ältere Männer, die auch Hämorrhoiden haben. Sie ist bereits mit einem alten Mann verheiratet, fängt aber ständig mit anderen alten Männern etwas an.

Ich gebe zu, mir schwebt eine Mischung aus „Liebesleben“ von Zeruya Shalev (wegen des literarischen Anspruches) und „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche (wegen des feministischen Anspruches) und 50 Shades of Grey (wegen Sex und wegen der Verkaufszahlen) vor.

Meine Zielgruppe sind Frauen aller Altersgruppen und alte Männer. Junge Männer lesen sowieso nicht.  Literaturkritiker sind in der Mehrzahl ältere Männer, ich gehe deshalb davon aus, dass ein Roman über eine junge Frau, die auf ältere Männer steht bei ihnen gut ankommt.

Ich habe praktisch schon ausgesorgt. Allerdings werde ich es unter einem Pseudonym veröffentlichen. Der Plot ist mir ein bisschen peinlich. Kayla Masuch werde ich mich nennen.

Ruhestörer

In Neukölln: Die Nachbarin über uns, die mit Plateauschuhen nachts um 4 über die blanken Dielen lief. Betrunkene auf der Straße, die hoch brüllten. Ein Nachbar, der nachts grundsätzlich Matthias Reim „Verdammt ich lieb dich“ aufdrehte und dazu mitsang. Die Feuerwehr, die durch die enge Straße mit eingeschaltetem Martinshorn fuhr.

In Kreuzberg: Die schizophrene Nachbarin, die unter uns wohnte und laute Selbstgespräche führte, dabei kochte und rauchte. Die Hiphop-Musikproduzenten im Erdgeschoss, die an ihren sexistischen Texten feilten. Die Studenten im Hinterhaus, deren Wand an unsere Schlafzimmerwand grenzte, die spontane nächtliche Partys feierten. Der alternde Rockfan unter uns, der seinen fatalen Musikgeschmack  auslebte.

In Mandarinendorf: Die Singdrossel, die das Piepen des Weckers täuschend echt nachahmen kann und mich damit um 4 Uhr nachts weckt.