Die Tür

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Die Tür

 

Ich kannte mal eine Tür

im Winter quietschte sie wie ein Tier

sie war eine wunderschöne Altbautür

jetzt leb ich lange schon ohne ihr

 

Sie quietschte wie ein Karnickel, das man quälte

weil Berliner Altbau und im Winter diese Kälte

die Luft so eisig, dass ich vor Husten bellte

bevor die Klingel an der Wohnung schellte

 

Im Kaninchenfellmantel trat ich endlich ein

die Tür fiel zu, ich fühlte mich klein

schnell schaltete ich das Radio ein

Mutter kochte Klopse mit Eisbein

 

Ich kannte mal eine Tür

sie quietschte wie ein Tier

ich bellte, bevor ich schellte

und immer war da Eisbein, das mich quälte

 

 

Isolde Peter

Die Geschichte vom Schuhfinder

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Das Leben mit Kleinkind in Neukölln brachte es mit sich, dass ich öfter mit meinem Kind samt den kleinen Freundinnen und Freunden unterwegs war. Der Nachhauseweg vom Spielplatz oder Kindergarten war manchmal lang, die Langeweile ließ sich am Besten mit einer gut erzählten Geschichte überbrücken. Solche Geschichten werden durch das kindliche „Und was passierte dann?“ angetrieben. Ausgangspunkt bei dieser Geschichte hier war ein Schuh, der auf dem Gehweg lag. Das kommt in Neukölln nicht selten vor.  Als ich vor kurzem dieses Foto machte, fiel mir die Geschichte wieder ein.

Es war einmal ein Mann, der wohnte in Neukölln am Hermannplatz. Eines Tages ging er die Straße hoch, weil er einkaufen wollte, und plötzlich lag  mitten auf dem Weg ein Schuh. Es war ein besonders schöner Schuh, genau in der richtigen Größe, ein brauner Herrenschuh mit Schnürsenkel und fast noch neu.

„Hab ich ein Glück!“, dachte der Schuhfinder, aber dann fiel ihm ein, dass es ja nur ein Schuh war. Er suchte und schaute sich um, aber er konnte keinen weiteren braunen Schuh finden und so nahm er den einzelnen Schuh mit nach Hause und stellte ihn in sein Schuhregal. Er war also nur ein halber Glückspilz, aber stellt euch vor, von diesem Tag an fand er immer wieder Schuhe. Wenn er einkaufen oder einfach nur ein wenig spazieren ging oder wenn er auf dem Weg zum Zahnarzt war oder sich die Haare schneiden lassen musste: überall lagen Schuhe herum. Allerdings fand er immer nur einen Schuh, aber der war jedes Mal genau in seiner Größe. Er fand einen Cowboystiefel mit Absatz und einen grünen Turnschuh, einen weißen Lackschuh und einen schicken lila Schlangenlederschuh und eine rote Sportsandale. Sein Schuhregal wurde immer voller und voller und bald baute er sich ein neues Holzregal, nur für die Schuhe, die er ständig fand.

Er hatte in einem Jahr fast 84 Schuhe gefunden und zum Glück war es manchmal ein Schuh für den rechten und manchmal ein Schuh für den linken Fuß. Also fing er an, die Schuhe zusammen anzuziehen: den lila Schlangenlederschuh und den gelben Gummistiefel oder die roten Sportsandale und die schwarzen Reiterstiefel. Er freute sich, weil er so ungewöhnlich aussah, denn niemand in Neukölln trug so viele verschiedene Schuhe. „Jetzt bin ich doch ein ganzer Glückspilz!“, sagte sich der Schuhfinder. Eines Tages ging er wieder durch die Straßen, er hatte einen rosafarbenen Schuh mit Glitzer und eine rote Stiefelette an. Plötzlich stand vor ihm ein Mann, der auch zwei verschiedene Schuhe anhatte. Dieser Mann hatte genau denselben rosafarbenen Schuh mit Glitzer an und den lila Schlangenlederschuh. Wie konnte das sein? Schaute er in einen Spiegel oder war das sein Schuhzwilling?

„Sie haben ja meine Schuhe an!“, sagte der Schuhfinder zu dem anderen Mann.
„Stimmt nicht!“, sagte der andere Mann. „Sie haben doch einen rosafarbenen Glitzerschuh und eine rote Stiefelette an und ich ja wohl nicht!“.
„Aber Sie haben denselben rosafarbenen Glitzerschuh, am linken Fuß! Und ich am rechten! Und zu Hause habe ich auch so einen Schlangenlederschuh wie Sie einen anhaben!“
„Unglaublich!“, sagte der andere Mann. „Dann müssen Sie der Schuhfinder sein!“

Jetzt begann der andere Mann zu erzählen, dass er so schusselig war, dass er ständig seine Schuhe verlor. Immer wenn er spazieren oder einkaufen ging oder wenn er zum Zahnarzt oder zum Frisör musste, verlor einen Schuh. „Manchmal zwickt es mich am Zeh und dann ziehe ich den Schuh aus, um mich zu kratzen, und schwupps gehe ich weiter und merke zu spät, dass ich schon wieder nur einen Schuh anhabe!“, sagte er verlegen.
„Da haben Sie ja heute richtig Glück, dass Sie noch beide Schuhe anhaben!“, freute sich der Schuhfinder.
Der Schuhverlierer sah an sich herunter und meinte: „Ja, das stimmt, ich habe ja noch beide Schuhe an, welch ein Glück!“
Jetzt erzählte der Schuhfinder dem Schuhverlierer, dass er seit längerem schon immer wieder Schuhe fand, sie zu Hause in seinem Holzregal aufbewahrte, wenn er sie nicht an den Füßen trug.
„Man fällt schon auf!“, sagte der Schuhfinder, „Aber was soll ich machen, wenn ich immer Schuhe finde. Ich habe wenig Geld und kann mir nicht ständig Schuhe kaufen, da bin ich froh, wenn ich welche finde!“
Der Schuhverlierer nickte, er verstand das natürlich sehr gut, denn er verlor ja immer Schuhe und trug deshalb auch immer zwei verschiedene Schuhe.

 

Der Schuhverlierer lud den Schuhfinder zu sich ein, er wohnte gar nicht so weit entfernt von ihm. Da standen genau so viele Schuhe im Regal wie beim Schuhfinder. Sie tranken Waldmeisterbowle aus bunten Gläsern und aßen russisches Brot.
„Und jetzt?“, fragte der Schuhfinder. „Wollen Sie zu mir nach Hause kommen und ich gebe Ihnen die Schuhe alle wieder zurück? Es sind ja eigentlich Ihre Schuhe!“
Der Schuhverlierer überlegte.
„Ach Papperlapapp, behalten Sie die Schuhe, ich verliere sie ja doch nur. Wenn wir mal ein Paar gleiche Schuhe anhaben wollen, können wir ja tauschen!“

So wurden der Schuhverlierer und der Schuhfinder Freunde und manchmal gehen sie zusammen spazieren. Dann erinnert der Schuhfinder den Schuhverlierer daran, seinen Schuh wieder anzuziehen, wenn er einen Schuh auszieht, um sich am großen Zeh zu kratzen. Wenn er aber alleine spazieren geht, verliert der Schuhverlierer immer wieder mal einen Schuh und der Schuhfinder findet ihn nicht immer sofort. Deshalb und weil natürlich auch andere Menschen Schuhe verlieren, aber nur selten einen passenden verlorenen Schuh in ihrer Größe finden, liegen in Neukölln immer noch Schuhe auf dem Gehweg.

(c) Isolde Peter, http://www.mandarinendorf.de

 

Cut up-Gedicht: Suche

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Suche

Seine Hühneraugenblicke schmerzen. Immer sieht er einen

Fettnapf, der keiner ist und macht

ein großes Beziehungsdrama daraus. Er

fragt sich: „Wer ist diese Frau?“

Das regt sie auf. Doch: Sie ist leider gegen Gewalt.

Er denkt in diesem Moment: „Sind Gedanken strafbar?“

Beide wissen: Niemand kann alles sein.

Das wäre so absurd wie die Frage:

„Ist 0,99999999999999999999999999999 … gleich 1?“

Ist es eben nicht. Er weiß: Marsmädchen sagen tausendmal ‚Nein‘ –

trotz ihrer zarten Schneewittchen-Haut.

Sie sagt: „Früher war ich ‚Ein ganz normales kleines Mädchen‘ und

du warst der treueste Fan, den ich mir wünschen konnte.“

Ich stehe vor dem Spiegel und verspüre Unruhe.

Auf die Plätze – fertig los!

 

 

Winter in Berlin

 

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Winter in Berlin

 

eisiger Wind bläst vom Ural

peitscht Wunden ins Gesicht

und macht die Stadt weiß und kahl

 

das Trottoir ist glatt gefroren

ihr hochsensibles Gleichgewicht haben

viele sofort verloren

 

beim Balancieren auf dünnem Eis

die flachen Dächer glitzern und

glänzen puderzuckerweiß

 

 

 

Kaffeetrinken in Mitte

Kaffeetrinken in Mitte

Fünf Latte
für die Männer
vom Start Up
schreit der Dicke

Fünf dicke Latte
schreit die Barista
mit der blonden
Perücke

Fünf Latte
im Becher
die Milch geschäumt
nicht geschüttelt
am Kapitalismus
wird hier ganz bestimmt
nicht gerüttelt

 

 

Deo ex Sprühdose

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In der S-Bahn

Kim Kardashian und Kanye West in der Berliner Touri-Version. Pärchen mit viel Haut, kurzen Shorts und T-Shirt, Sonnenbrillen, viel Make up, viel Parfüm, hohe Schuhe, schickes Reisegepäck und ein Schoßhündchen, das auf dem Arm getragen wird.

Zwei Stationen weiter, die S-Bahn-Türen öffnen sich und der erste Stinker dieses Jahres steigt ein. Als ob sich Limburger Käse mit einer seit Jahren nicht geputzten Herrentoilette gepaart hätte. Wolke aus Pech und Schwefel, als er durch die S-Bahn geht.

Ich binde mir den Schal ums Gesicht, einige Mitfahrer hecheln, halten  sich die Nase zu oder fächeln herum.  Das Schoßhündchen zeigt keine Regung. Hunde mögen strenge Gerüche.

Kim und Kanye sind dagegen entsetzt. Sie greift in ihre Tasche und holt ein rosa Deo-Spray heraus, stammelt „Sorry“ und sprayt Deo in den Waggon.  Billig-Deo und Stinkergeruch ist so ziemlich das Schlimmste, was in der S-Bahn (oder U-Bahn) zu ertragen ist. Laufe lieber bis zum Potsdamer Platz.

Verrücktes Berlin

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Ich sehe in die Menschenmenge

Sie sind mir alle so unglaublich fremd

Ich schlängle mich aus der Enge

Und bemerke, wie sie mich mustern

Liegt es etwa an meinem Kleid?

 

Nein! Das kann es nicht sein

Die Menschen in Berlin sind alle verrückt!

Da falle ich doch nicht auf

Sie sind doch alle bunt, groß, klein

Oder – wie ich – mit Blumen geschmückt

 

Ich bemerke, dass sie nicht mich anschauen

Sie schauen ein bettelndes Kind an

Ich hoffe, es wurde nicht verhauen

So ist es in Berlin!

Es gibt gute und schlechte Seiten

Und sehr viele Schwierigkeiten

 

(von Mila Lausch)

Hellersdorf auf dem Bahnsteig

Hellersdorf

Steh aufm U-Bahnhof
lauter Menschen
welche studieren
welche tragen Taschen
welche verlieren Gehörgeräte welche verlieren ihren Verstand welche haben nichts

bunt durcheinander gestreut stehen die da alle
aufm U-Bahnhof
als ob einer über den Bahnsteig eine riesige Pfeffermühle hält und daran dreht

und raus fallen sie
rosa, graue, braune, schwarze, gräuliche Pfefferkörner