Das Januar-Gedicht

Mein Projekt für dieses Jahr ist es, jeden Monat hier ein Gedicht zu posten. Die werten Leserinnen und Leser dieses Blogs kennen es wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung: die Muse küsst einen leider immer an merkwürdigen Orten oder zu ungünstigen Zeiten. Dieses Gedicht hier fiel mir auf dem Rückweg aus dem schneebestürmten Hellersdorf ein. Ich schrieb es schnell in mein Notizbuch und komme erst jetzt dazu, mit dem Posten zu beginnen.

 

winter

Winter in Berlin

 

eisiger Wind bläst vom Ural

peitscht Wunden ins Gesicht

und macht die Stadt weiß und kahl

 

das Trottoir ist glatt gefroren

ihr hochsensibles Gleichgewicht haben

viele sofort verloren

 

beim Balancieren auf dünnem Eis

die flachen Dächer glitzern und

glänzen puderzuckerweiß

 

 

 

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Betrachtungen zu Hellersdorf

Hellersdorf

Steh aufm U-Bahnhof
lauter Menschen
welche studieren
welche tragen Taschen
welche verlieren Gehörgeräte welche verlieren ihren Verstand welche haben nichts

bunt durcheinander gestreut stehen die da alle
aufm U-Bahnhof
als ob einer über den Bahnsteig eine riesige Pfeffermühle hält und daran dreht

und raus fallen sie
rosa, graue, braune, schwarze, gräuliche Pfefferkörner 

Out of Hellersdorf

Neulich war ich mal wieder in der Mensa II der Freien Universität in Dahlem. Das ist so ein bisschen wie die Heimkehr zu Muttern an den Esstisch. Verändert sich auch alles um einen herum: das Essen bleibt immer gleich. Und die Servicekräfte der Mensa erinnern mich auch so ein bisschen an liebevoll-strenge Mütter. „Bösteck neben’n Tella!!!“ Dank jahrelangem Training käme ich niemals auf die Idee, Messer und Gabel nicht sorgsam neben das Geschirr auf das Tablett zu legen. Und nun bin ich irgendwie restudentialisiert. Da fühle ich mich gleich jünger und reicher, weil ich nun auch wieder Studentenpreise bezahle. Die Normalpreise in der Mensa sind ja völlig überteuert. Ich gab also die Info über meinen neuen Status gleich an die Kassiererin weiter. „Wo studiern Se denn?“, fragte sie mich. „An der Alice-Salomon-Hochschule, ein Aufbaustudiengang.“ Das mit dem Aufbau war semantisch natürlich irgendwie fragwürdig. Es war meiner Sorge geschuldet, dass sie mich sonst für eine dieser Langzeitstudentinnen hält, die nur in der Mensa rumhängen. Wahrscheinlich gibt es die sowieso nicht mehr. „Wo issen die Hochschule?“, fragte die Kassiererin. „Ja, in Hellersdorf!“, sagte ich ahnungslos und erstaunt. „Nee, außerhalb von Berlin geht nicht“, sagte sie streng zu mir. „Gibt’n paa Ausnahm, aber nich mal Potsdam akzeptiern wa!“ Ich musste erst einmal überlegen. Hellersdorf kommt mir auch immer so weit weg vor. So irgendwie schon fast Brandenburg. Aber natürlich gehört es zu Berlin! Das sagte ich dann auch. „Schauen Sie doch mal in Ihrer Liste nach“, sagte ich. „Hellersdorf gehört auf jeden Fall zu Berlin!“ Ich fühlte mich wie die Retterin der Ehre von Hellersdorf. Es stellte sich heraus, dass die ASH nicht auf der Liste der erlaubten Hochschulen stand, aber eine Kollegin der Kassiererin wusste Bescheid. Man bekommt mit Hellersdorfer Studentenausweis auch Rabatt in Dahlem. Wäre ja sonst diskriminierend! Interessant wäre jetzt nur noch, ob in Hellersdorf Dahlem gefühlsmäßig noch zu Berlin gehört oder schon zu Potsdam. Das sollten wir erforschen.