Die Geschichte vom Schuhfinder

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Das Leben mit Kleinkind in Neukölln brachte es mit sich, dass ich öfter mit meinem Kind samt den kleinen Freundinnen und Freunden unterwegs war. Der Nachhauseweg vom Spielplatz oder Kindergarten war manchmal lang, die Langeweile ließ sich am Besten mit einer gut erzählten Geschichte überbrücken. Solche Geschichten werden durch das kindliche „Und was passierte dann?“ angetrieben. Ausgangspunkt bei dieser Geschichte hier war ein Schuh, der auf dem Gehweg lag. Das kommt in Neukölln nicht selten vor.  Als ich vor kurzem dieses Foto machte, fiel mir die Geschichte wieder ein.

Es war einmal ein Mann, der wohnte in Neukölln am Hermannplatz. Eines Tages ging er die Straße hoch, weil er einkaufen wollte, und plötzlich lag  mitten auf dem Weg ein Schuh. Es war ein besonders schöner Schuh, genau in der richtigen Größe, ein brauner Herrenschuh mit Schnürsenkel und fast noch neu.

„Hab ich ein Glück!“, dachte der Schuhfinder, aber dann fiel ihm ein, dass es ja nur ein Schuh war. Er suchte und schaute sich um, aber er konnte keinen weiteren braunen Schuh finden und so nahm er den einzelnen Schuh mit nach Hause und stellte ihn in sein Schuhregal. Er war also nur ein halber Glückspilz, aber stellt euch vor, von diesem Tag an fand er immer wieder Schuhe. Wenn er einkaufen oder einfach nur ein wenig spazieren ging oder wenn er auf dem Weg zum Zahnarzt war oder sich die Haare schneiden lassen musste: überall lagen Schuhe herum. Allerdings fand er immer nur einen Schuh, aber der war jedes Mal genau in seiner Größe. Er fand einen Cowboystiefel mit Absatz und einen grünen Turnschuh, einen weißen Lackschuh und einen schicken lila Schlangenlederschuh und eine rote Sportsandale. Sein Schuhregal wurde immer voller und voller und bald baute er sich ein neues Holzregal, nur für die Schuhe, die er ständig fand.

Er hatte in einem Jahr fast 84 Schuhe gefunden und zum Glück war es manchmal ein Schuh für den rechten und manchmal ein Schuh für den linken Fuß. Also fing er an, die Schuhe zusammen anzuziehen: den lila Schlangenlederschuh und den gelben Gummistiefel oder die roten Sportsandale und die schwarzen Reiterstiefel. Er freute sich, weil er so ungewöhnlich aussah, denn niemand in Neukölln trug so viele verschiedene Schuhe. „Jetzt bin ich doch ein ganzer Glückspilz!“, sagte sich der Schuhfinder. Eines Tages ging er wieder durch die Straßen, er hatte einen rosafarbenen Schuh mit Glitzer und eine rote Stiefelette an. Plötzlich stand vor ihm ein Mann, der auch zwei verschiedene Schuhe anhatte. Dieser Mann hatte genau denselben rosafarbenen Schuh mit Glitzer an und den lila Schlangenlederschuh. Wie konnte das sein? Schaute er in einen Spiegel oder war das sein Schuhzwilling?

„Sie haben ja meine Schuhe an!“, sagte der Schuhfinder zu dem anderen Mann.
„Stimmt nicht!“, sagte der andere Mann. „Sie haben doch einen rosafarbenen Glitzerschuh und eine rote Stiefelette an und ich ja wohl nicht!“.
„Aber Sie haben denselben rosafarbenen Glitzerschuh, am linken Fuß! Und ich am rechten! Und zu Hause habe ich auch so einen Schlangenlederschuh wie Sie einen anhaben!“
„Unglaublich!“, sagte der andere Mann. „Dann müssen Sie der Schuhfinder sein!“

Jetzt begann der andere Mann zu erzählen, dass er so schusselig war, dass er ständig seine Schuhe verlor. Immer wenn er spazieren oder einkaufen ging oder wenn er zum Zahnarzt oder zum Frisör musste, verlor einen Schuh. „Manchmal zwickt es mich am Zeh und dann ziehe ich den Schuh aus, um mich zu kratzen, und schwupps gehe ich weiter und merke zu spät, dass ich schon wieder nur einen Schuh anhabe!“, sagte er verlegen.
„Da haben Sie ja heute richtig Glück, dass Sie noch beide Schuhe anhaben!“, freute sich der Schuhfinder.
Der Schuhverlierer sah an sich herunter und meinte: „Ja, das stimmt, ich habe ja noch beide Schuhe an, welch ein Glück!“
Jetzt erzählte der Schuhfinder dem Schuhverlierer, dass er seit längerem schon immer wieder Schuhe fand, sie zu Hause in seinem Holzregal aufbewahrte, wenn er sie nicht an den Füßen trug.
„Man fällt schon auf!“, sagte der Schuhfinder, „Aber was soll ich machen, wenn ich immer Schuhe finde. Ich habe wenig Geld und kann mir nicht ständig Schuhe kaufen, da bin ich froh, wenn ich welche finde!“
Der Schuhverlierer nickte, er verstand das natürlich sehr gut, denn er verlor ja immer Schuhe und trug deshalb auch immer zwei verschiedene Schuhe.

 

Der Schuhverlierer lud den Schuhfinder zu sich ein, er wohnte gar nicht so weit entfernt von ihm. Da standen genau so viele Schuhe im Regal wie beim Schuhfinder. Sie tranken Waldmeisterbowle aus bunten Gläsern und aßen russisches Brot.
„Und jetzt?“, fragte der Schuhfinder. „Wollen Sie zu mir nach Hause kommen und ich gebe Ihnen die Schuhe alle wieder zurück? Es sind ja eigentlich Ihre Schuhe!“
Der Schuhverlierer überlegte.
„Ach Papperlapapp, behalten Sie die Schuhe, ich verliere sie ja doch nur. Wenn wir mal ein Paar gleiche Schuhe anhaben wollen, können wir ja tauschen!“

So wurden der Schuhverlierer und der Schuhfinder Freunde und manchmal gehen sie zusammen spazieren. Dann erinnert der Schuhfinder den Schuhverlierer daran, seinen Schuh wieder anzuziehen, wenn er einen Schuh auszieht, um sich am großen Zeh zu kratzen. Wenn er aber alleine spazieren geht, verliert der Schuhverlierer immer wieder mal einen Schuh und der Schuhfinder findet ihn nicht immer sofort. Deshalb und weil natürlich auch andere Menschen Schuhe verlieren, aber nur selten einen passenden verlorenen Schuh in ihrer Größe finden, liegen in Neukölln immer noch Schuhe auf dem Gehweg.

(c) Isolde Peter, http://www.mandarinendorf.de

 

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Mandarinendorf is so hot right now

Ganz ehrlich: ich lese ab und an in einer Boulevard-Zeitung, die umsonst beim Fitness ausliegt. Sonst wäre ich ja auch nicht auf den Artikel über die neue Nacktputzagentur gestoßen, die in Mandarinendorf beheimatet ist. Ausgerechnet hier!  Kleiner Hinweis für alle Interessierten: Deren Webadresse ist aus dem Wort „Putz“ und einer umgangssprachlichen Bezeichnung für das männliche Geschlechtsorgan zusammengesetzt. Das Wort fängt mit P an und endet mit l. Ich denke, Sie werden den Service schon finden. Auf der Webseite ist auch ein Glas Prosetscho zu finden, der sozusagen das Grundgetränk aufgeweckter Mandarinendorferinnen ist, was Sie auch meinem Beitrag über die hier gängige Prosetschovernichtung entnehmen können. Ich poste dies nur aus reiner Sensationsgier und sehe darin auch den Trend, den ich bereits mehrfach erwähnt habe, bestätigt, dass sich Mandarinendorf langsam macht und immer innovativer wird. Allerdings finde ich Nacktputzen bei Männern und bei Frauen gleichermaßen ein wenig unhygienisch und bei dieser Wetterlage auch äußerst ungesund…

Die Dackel-Golden Retriever-Labrador-Mischung

Meine Tochter hätte gerne einen Hund. Ich kann das verstehen, obwohl ich eher schlechte Kindheitserinnerungen an die Dackelhündin meiner Schwester habe. Susi zerbiss meine Barbiepuppen und gehorchte – wenn überhaupt – nur meiner Schwester. Susi mochte mich nicht und ich traute Susi nicht über den Weg. Dabei hatte mir mein Vater sogar das definitive Mittel, um sich einen Hund treu und ergeben zu machen, verraten: man muss dem Hund ins Maul spucken. Quasi eine Art „Impfung“, die den Hund dann auf den Spuckenden fixiert. Obwohl ich als Kind diesen Trick bei vielen Hunden ausprobiert habe, zeigte es sich, dass  a) dieser Trick nie funktionierte und b) mein Vater aber einer genetischen DNA-Marker-Geschichte vielleicht damals schon auf der Spur war… Vor kurzem habe ich jedenfalls einen herzallerliebsten, alten Dackel hier in Mandarinendorf kennen gelernt, der treuherzig sein ebenfalls schon altes Frauchen durchs Leben begleitet. Natürlich habe ich diesem Dackel nicht in den Mund gespuckt, um ihn bloß nicht auf mich zu fixieren. Irgendwie kam es andersherum: ich war plötzlich auf den Dackel fixiert. Leider bin ich mit meiner neuerwachten Begeisterung für Dackel innerhalb der Familie nicht auf Resonanz gestoßen. Meine Tochter plädiert für einen Golden Retriever und mein Mann favorisiert Labradore. Mein Vorschlag, dann einen Dackel-Golden Retriever-Labrador-Mischling als Kompromiss aus Griechenland zu organisieren, stieß leider nicht auf Gegenliebe. Unsere Katzen werden also die Königinnen ihres Reviers bleiben…

Hundeleben

Berlins Ureinwohner geben sich betont rauh, damit das goldene Herz nicht sofort erkennbar ist. Ja, ja, ein Klischee. Das Herz ist auch nicht immer golden… Wenig bekannt ist allerdings, dass Berliner auch ihren Haustieren gegenüber eine ambivalente Haltung pflegen. Die lieben sie heiß und innig, machen aber die Hundescheiße nie weg und können ihren Tieren gegenüber ganz schön autoritär sein. Da denke ich doch an eine alte Dame in Neukölln, die ihren Hund psychologisch niederschimpfte, wenn sie ihn Gassi führte. Ich dachte sofort, dass sie früher wahrscheinlich ihren Mann so bekriegt hatte wie jetzt den Hund. „Was du immer machst! Nie hörste auf mich! Zieh nich‘ an der Leine, tu was ich dir sag!“ Vielleicht hat ihr Mann sie auch verlassen wegen des herrischen Tons oder sie hatte nie einen wegen ihrer Unfreundlichkeit. Aber Männer sind manchmal auch fies. Heute in der U-Bahn habe ich einen mit mehreren Hunden gesehen. Er fiel auf. Wegen der vielen Hunde, aber auch weil die Hunde alle von derselben Rasse waren, also nahezu identisch aussahen, aber unterschiedlich groß waren. Das war so als ob jemand Vierlinge hat, die aber 2, 4, 10 und 40 Jahre alt sind. Alle starrten. Der eine Hund begann etwas, was er am Boden fand, zu fressen. Der Mann fing einfach an, den anderen Mitfahrenden zu erklären, dass der Hund immer fräße. Schon von klein auf. Und dann sagte er zu dem Hund: „Na, frisste immer allet, wa, na bist ja’n fettet Schwein, jenau wie dein Vater, der wa och schon n’fettet Schwein.“ Der Hundebesitzer sagte das in wirklich liebevollen Ton. Und wer mit dem Vater gemeint war, blieb unklar. Der Hundebesitzer selbst war jedenfalls auch alles andere als dünn.

Welcher Döner ist schöner?

Letztes Wochenende habe ich mich sehr amüsiert über den Artikel von Martin Reichert in der taz über Mustafas Gemüse-Döner am Mehringdamm. http://www.taz.de/Mustafas-Gemuese-Kebap-in-Berlin/!95428/ Er sagt, der Döner dort ist genauso wie anderswo, nur die Minze fand er außergewöhnlich.

Ich hätte nicht die Zeit und Geduld, mich in die ewig lange Warteschlange einzureihen, aber natürlich habe auch ich mich schon ertappt bei der Vorstellung, vielleicht etwas Außergewöhnliches zu verpassen. Nun bin ich beruhigt. Zwar habe ich von anderen Quellen gehört, die Mangosoße sei so phänomenal bei Mustafa, aber es gibt viele Döner-Stände mit Mango-Soße. Einen Chicken-Döner mit frittiertem Gemüse gibt es auch anderswo, sogar die von Reichert so gepriesene Minze ist keine große Sache. Ich kenne da in Steglitz einen Döner-Stand, der auch mit Minze arbeitet, aber den verrate ich nicht. Ich möchte nicht, dass sich dort auch noch eine Schlange bildet. Zwar esse ich Döner ganz selten, aber wenn, dann möchte ich nicht erst eine halbe Stunde in der Schlange verbringen müssen.

Auf dem Bücherstrich

Und während ich in Mandarinendorf noch am Schreibtisch saß und mein Manuskript zu Ende bringen sollte, schweiften meine Gedanken sogar mehrfach ab. Eigentlich wurde ich von Schreckensvisionen geplagt: Ich wie ich versehentlich eine falsche Datei an den Verlag lieferte. Der druckte daraufhin ein Buch mit weißen Seiten, das er vor meinen Augen einstampfte. Schrecklich! Ein Alptraum! Ich war dermaßen geängstigt, dass ich die Glotze anschaltete und auf eine blondierte junge Frau blickte. Ich will jetzt nicht so tun als ob ich noch nie von ihr gehört hatte: es handelte sich um Daniela Katzenberger, die Fernsehberühmtheit und Bestsellerautorin. Sie posierte auf der Buchmesse neben dem älteren, fernsehaffinen Literaturkritiker Karasek, der sagte, er habe sie vorher noch nie gesehen (was sicher gelogen war), er finde sie aber sehr attraktiv (alte Literaturkritiker haben einen merkwürdigen Frauengeschmack, nun ja!). Neid machte sich in mir breit, dass diese Frau auf Anhieb einen Bestseller gelandet hatte. Ich sah mich plötzlich selbst wie ich auf dem Bücherstrich für alternde intellektuelle Frauen einem alten Literaturkritiker hinterher lief und flüsterte: “Pst, pst, hier mein Buch, es ist voll tiefgründig, aber auch humorvoll, es kommt sogar Sex drin vor und hey, zum Selbstkostenpreis, wie wär’s. Krieg ich ‘ne schöne Kritik?” Zum Glück meldete sich eine innere Stimme und mahnte mich, den Neid doch sein zu lassen. Gönn’ der jungen Frau ihren ersten literarischen Erfolg! Hast du nicht selbst auf dem Gymnasium deine Facharbeit über das Thema “Der Arbeiter im Spannungsfeld der Literatur” geschrieben? Und ist es nicht toll, dass eine junge Frau aus proletarischen Verhältnissen dieses Spannungsfeld für sich entdeckt hat? Und, komm, es gibt ja gar keinen Bücherstrich! Hach, diese innere Stimme, sie ist einfach zu gut, um wahr zu sein. Mein Neid war plötzlich wie weggeblassen, weil ehrlich: lass die Blondine erstmal vierzig werden…

Prosetschovernischtung

Also um ditt mal janz klar zu sagen: Wo wird in Berlin noch reiner Dialekt gesprochen? Ganz bestimmt nich inner Innenstadt. Da sprechen, wenn überhaupt, die Jugendlichen Kiezdeutsch, aber berlinern, ditt kann da keener! Ganz anders in Mandarinendorf. Ein Hort des Dialektes! Heike Wiese, die Autorin des Buches „Kiezdeutsch“ erwähnt Mandarinendorf sogar explizit als Bezirk, in dem berlinert wird. Selbst ich fange hier an zu berlinern, aber manchmal bin ich schon an der Grenze des Verstehens. Zum Beispiel wenn es um Prosetschovernischtung geht. Den Ausdruck kannte ich nicht. Ich weiß nur, dass was früher Asti Spumante war heute Prosecco ist. In Mandarinendorf heißt ditt jedenfalls Prosetscho. Bitte sprechen Sie es so aus, sonst gibt es noch Missverständnisse. Und neulich, als ich ahnungslos ein Frauenfitnessstudio besucht habe, weil ich dachte, es wäre doch praktisch, hier in Mandarinendorf fit zu bleiben und nicht extra in die hipperen Bezirke zu fahren, da bot mir die Studiobesitzerin an: „Ick mach bald ’ne Prosetschovernischtungsparty, da lad ich Sie herzlich dazu ein!“ Na, da hab‘ ick aber jestaunt, dass et sowat gibt. Ich glaube, ich fange wieder an, Spumante zu trinken.

Ruhestörer

Es ist ganz interessant, wie unterschiedliche Ruhestörer in verschiedenen Bezirken auftreten. In Neukölln: Die Nachbarin über uns, die mit Plateauschuhen nachts um 4 über die blanken Dielen lief. Betrunkenen auf der Straße, die hoch brüllten. Ein Nachbar, der nachts grundsätzlich Matthias Reim „Verdammt ich lieb dich“ aufdrehte und dazu mitsang. Die Feuerwehr, die durch die enge Straße mit eingeschaltetem Martinshorn fuhr. In Kreuzberg: Die schizophrene Nachbarin, die unter uns wohnte und laute Selbstgespräche führte, dabei kochte und rauchte. Die Hiphop-Musikproduzenten im Erdgeschoss, die an ihren sexistischen Texten feilten. Die Studenten im Hinterhaus, deren Wand an unsere Schlafzimmerwand grenzte, die spontane nächtliche Partys feierten. Der alternde Rockfan unter uns, der seinen fatalen Musikgeschmack auf unsere Kosten auslebte. In Neukölln beschwerte sich übrigens unsere Nachbarin auch über uns, wofür sie schriftliche Beschwerdebriefe am Computer verfasste. In Mandarinendorf hat sich noch niemand über uns beschwert. Es gibt hier auch viele Leute, über die ich mich beschweren könnte. Am meisten übrigens über die Singdrossel, die das Weckergeräusch täuschend echt nachahmen kann und mich damit um 4 Uhr nachts weckt. Pipipipipipipi! Ich bin dann zu müde, um mich tatsächlich zu Beschwerden und den Vogel ausfindig zu machen. Ich hoffe manchmal, die Katzen verschrecken ihn irgendwann. Fressen sollen sie ihn natürlich nicht.

Hühnerbrühe

Früher in Kreuzberg gab es da diesen Vater, der seinem Kind schnell ein paar homöopathische Kügelchen in den Mund schob, als es auf der Rutsche schrie. Der Zweijährige war auf der Rutsche gestolpert, nichts Ernstes, eher schien der Vater Beruhigung zu benötigen. „Arnica“, sagte er zu mir, als ich ihn fragend ansah. Meiner Meinung nach hätte es genauso gut geholfen, dem Kind ein Bonbon zu geben. Oder zahnfreundlicher: aufmuntern und ablenken! Jede Gesellschaftsgruppe schwört eben auf andere Heilmittel. Meine Mutter ist der Überzeugung, dass Hühnerbrühe hilft. Hühnerbrühe ist das osteuropäische Penicillin. In Kreuzberg ist Penicillin, außer in absoluten lebensbedrohlichen Notfällen eher verpönt, zumindest in den Kreisen der gesundheitsbewussten Bioeltern. In Mandarinendorf wiederum gibt es nur einen einzigen Bioladen und der ist auch ganz schön weit weg. In Mandarinendorf schwören Eltern auf Penicillin, richtig echte Antibiotika. Je mehr desto besser, denn wenn der Arzt ein Antibiotikum verschreibt, dann heißt das, dass man eine richtig echte Krankheit hat. Da nutzt auch der Hinweis nichts, dass Antibiotika bei Viruserkrankungen doch erst einmal gar nicht helfen. Andersherum hilft auch bei Kreuzberger Bioeltern der Hinweis nicht, dass in den Kügelchen eigentlich kein Wirkstoff drin ist. Glauben heißt eben Heilen. Oder umgekehrt?