Kaffeetrinken in Mitte

Kaffeetrinken in Mitte

Fünf Latte
für die Männer
vom Start Up
schreit der Dicke

Fünf dicke Latte
schreit die Barista
mit der blonden
Perücke

Fünf Latte
im Becher
die Milch geschäumt
nicht geschüttelt
am Kapitalismus
wird hier ganz bestimmt
nicht gerüttelt

 

 

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Marktforschung

Als ich kurz nach Abgabe meines Manuskripts in der Bücherei in Mitte war, fiel mir auf dem Rückweg eine Möglichkeit ein, endlich mal einen Bestseller zu landen. Es wird um eine junge Frau, gutaussehend, aber mit Problemen gehen. Sie leidet unter Hämorrhoiden, was ja eher ungewöhnlich bei einer jungen Frau ist. Gleichaltrige Männer können sie deshalb nicht verstehen. Sie ist auch ein bisschen pervers. Sie steht auf ältere Männer, ich spreche hier so von vierzig aufwärts, richtig alte Säcke, so mit Glatze, Bauchansatz und womöglich auch schon ersten sexuellen Funktionsschwierigkeiten. Die Perversion besteht darin, dass ihr das alles nichts ausmacht. Sie ist auch mit einem alten Sack verheiratet, fängt aber ständig mit anderen alten Säcken etwas an und es geht voll ab, sextechnisch. Ich bastele noch so ein bisschen daran, wie der Roman endet. So eine Mischung aus „Liebesleben“ von Zeruya Shalev und „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche wird es halt werden, da bin ich ganz ehrlich. Ich steh‘ zwar eigentlich nicht wirklich hinter dem Plot, weil ich würde ja viel lieber über eine ältere Frau, so um die vierzig schreiben, die verheiratet, aber dermaßen attraktiv ist, dass ihr praktisch ständig junge Männer nachlaufen und sie deshalb neben ihrer Ehe ständig Liebschaften pflegen muss, was ihr Leben spannend, aber sehr anstrengend macht. Schöner Plot, finde ich, und so realitätsnah. Ich muss jedoch marktorientiert denken und heute habe ich bei Hugendubel die Zielgruppe, die ich anpeilen werde, vor mir an der Kasse gesehen: alte Männer, die Bücher wie „Schoßgebete“ lesen. Es gibt sie und sie sind bestimmt keine Minderheit. Man denkt immer nur, dass Frauen so etwas lesen, aber in Wirklichkeit stehen alte Männer auf diese Bücher und die haben auf jeden Fall eine gewisse Kaufkraft. Und wenn da, so wie bei mir, auch noch ältere Männer dezidiert vorkommen als Protagonisten, dann sehe ich die Verkaufszahlen schon in die Höhe klettern. Das Gute ist, dass auch Literaturkritiker in der Mehrzahl ältere Männer sind. Geschichten von jungen perversen Frauen loben die in hohen Tönen wegen ihrer Authentizität. Das weiß ich. Ich habe praktisch schon ausgesorgt.